20. Januar 2017, 20:08 Uhr

Selbstbestimmt in Würde sterben

Montag bis Donnerstag will der Patient sterben, das Palliativteam steckt entsprechend die Behandlung ab. Aber am Freitag kommt der Enkel, da will der Patient fit sein und vom Tod nichts wissen. Palliativversorgung ist sehr komplex und sie umfasst auch die Betreuung der Angehörigen.
20. Januar 2017, 20:08 Uhr
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Von Rolf Schwickert
Ein Fläschchen mit Schmerzmittel liegt auf dem Nachttisch einer sterbenskranken Frau. Durch ambulante Palliativversorgung können Menschen ihre letzten Tage in vertrauter Umgebung verbringen. (Foto: Archiv)

Sterben in Würde, zu Hause und ohne Schmerzen. Das wünschen sich die meisten Menschen. Aber ist die palliative Versorgung auch für Mücke gewährleistet? Nachdem diese Frage vor einem Jahr von der CDU aufgeworfen worden war, gab es dazu am Donnerstag einen Informationsabend im Dorfgemeinschaftshaus von Merlau. Was vor einem Jahr die Politiker zu einem teilweise heftigen Schlagabtausch veranlasste, war am Donnerstag kein Aufregerthema mehr. 19 Besucher verloren sich im Saal, zieht man bekannte Kommunalpolitiker und örtliche Ärzte sowie Pflegekräfte ab, dann bleibt kaum mehr ein halbes Dutzend weiterer Besucher. Aber die Abwesenden haben etwas verpasst: Es gab nicht nur Informationen aus erster Hand, die ernsten Themen Sterben und Tod wurden von Michaela Hach auch recht unterhaltsam abgehandelt. Die Geschäftsführerin des Hessischen Fachverbandes Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung (SAPV) hatte als gelernte Krankenschwester, die zwei ambulanten Pflegedienste aufgebaut hat, viele Alltagsszenen parat, die den Zuhörern anschaulich Einblick in die vielschichtige Problematik gaben.

Im Bundesvergleich steht Hessen bei der Palliativversorgung sehr gut da, leitete Hach ihren Vortrag ein, wobei zur Finanzierung Spenden eine wesentliche Rolle spielen. In Hessen gibt es 22 Palliativteams für Erwachsene und drei für Kinder. Wenn im Laufe das Jahres noch der Odenwaldkreis abgedeckt werde, sei die Palliativversorgung im Land flächendeckend vorhanden. Die Palliativversorgung greift dann, wenn ein Patient austherapiert ist, Ärzte ein absehbares Sterben nicht aufhalten können. Dann gilt es, das Sterben würdevoll und möglichst in der vertrauten Umgebung zu gewährleisten. Bei dieser aufsuchenden Palliativversorgung ist ein Schwerpunkt, die Arbeit der vielen Fachkräfte, von denen der Patient betreut wird, zu koordinieren. Beispielsweise soll vermieden werden, dass der Patient jeweils alle Kontaktpersonen (bis zu 40, im Schnitt 15) über sein tägliches Befinden informieren muss. Das sei eine unnötige psychische Belastung, sagt Hach. »Wir haben verlernt, mit dem Tod umzugehen«, stellte sie fest. Früher habe man sich in den Großfamilien um alte Menschen gekümmert, sterben zu Hause sei Alltag gewesen. Aber heute sind die Kinder oft nicht mehr vor Ort, Senioren vielfach alleinstehend. Auf dem Land würden die familiären Strukturen zwar immer noch eher tragen, aber der Trend gehe in eine andere Richtung. Mit den modernen technischen medizinischen Möglichkeiten biete sich die Möglichkeit, das Leben zu erhalten, aber damit werde eine Krankheit auch chronisch. »Heute wird man steinalt mit Diabetes, aber Diabetes ist weiter nicht heilbar«, stellte Hach fest.

Dr. Rio Dumitrascu, Ärztlicher Leiter und Oberarzt des PalliativCare-Teams aus Gießen, informierte, dass zu den über 20 Mitarbeitern rund ein halbes Dutzend Ärzte und etwa 15 Fachpflegekräfte gehören. Der Kontakt zum Palliativteam kommt über Hausärzte oder Krankenhäuser zustande, geht selten direkt von Patienten aus. Schmerzen und Luftnot sind die häufigsten Symptome.

Zu rund 75 Prozent ist die Krankheit eine Krebsform, Vertreter des Teams kommen bei Bedarf – auch mehrfach täglich. Morgens ist in Gießen Besprechung im Team und es wird überlegt, was man den Patienten noch anbieten kann, ab 10 Uhr fahren die Fachkräfte in die Orte. Die Gießener arbeiten auch rund um die Uhr, allerdings ist diese umfassende Betreuung Sache der Teams, darauf gibt es keinen Rechtsanspruch.

Im Vogelsbergkreis gebe es zudem eine sehr gute Kooperation mit den Pflegediensten, weil eine Anfahrt aus Gießen zu einer enormen zeitlichen Verzögerung führen kann. In Gießen gibt es seit 2016 eine Palliativstation mit 16 Betten

»Wir sind oft die ersten, die eine Struktur in die Krankheit in einer Familie bringen. Oftmals wird erst durch das Team eine Kommunikation in der Familie angestoßen, was auch bedeutet, dass das Umfeld Betreuungsbedarf aufzeigt«, erläuterte Dr. Dumitrascu die weit gesteckte Arbeitsweise über den Sterbenden hinaus. Bei den Angehörigen gelte es, mit Betroffenheit, Wut und Angst umzugehen. Oft hätten die Angehörigen bis zum Eintreffen des Teams den Gefühlen noch keinen Raum gegeben. Auch hier sollen die Teams helfen – bis hin zum gemeinsamen Weinen mit Patient und Umfeld. »Mücke ist kein weißer Fleck«, bilanzierte Hach nach 90 Minuten Darstellung der Palliativversorgung in der Großgemeinde. Im Ausblick fügte sie an, dass in Zukunft das Stärken von Nachbarschaftshilfe ansteht, denn immer mehr ältere Menschen lebten im ländlichen Raum ohne familiäres Umfeld. Nachbarn zum Beispiel könnten dem Anspruch von Sterbenden, die letzten Tage im vertrauten Haus zu erleben, entsprechen. (Foto: rs)



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