09. Januar 2017, 18:32 Uhr

Wenn Krieg zur Flucht zwingt

Gemünden-Nieder-Gemünden (pm). Auf Einladung der örtlichen Flüchtlingsinitiative schilderte Abdo Al Taha, der aus Aleppo fliehen musste (die AAZ berichtete), jetzt die Situation in seiner Heimat. Im evangelischen Gemeindesaal in Nieder-Gemünden stellte der 28-jährige Elektroingenieur rund 120 Zuhörern seine Heimat Syrien vor, mit Bildern und Videosequenzen aus der Zeit vor Beginn des Bürgerkriegs und danach. Doch zunächst erläuterte er, dass er auf diese Weise um Verständnis für die Situation von Flüchtlingen aus seinem Land werben will. Sie seien keine Wirtschaftsflüchtlinge, sondern Menschen, die der Krieg aus ihrer Heimat vertrieben hat. »Niemand von uns hat vor dem Krieg daran gedacht, einmal fliehen zu müssen«, stellte er klar.
09. Januar 2017, 18:32 Uhr
Abdo Al Taha bei seinem Vortrag, hier mit Rainer Lindner von der Gemündener Flüchtlingsinitiative. (Foto: pm)
Gemünden-Nieder-Gemünden (pm). Auf Einladung der örtlichen Flüchtlingsinitiative schilderte Abdo Al Taha, der aus Aleppo fliehen musste (die AAZ berichtete), jetzt die Situation in seiner Heimat. Im evangelischen Gemeindesaal in Nieder-Gemünden stellte der 28-jährige Elektroingenieur rund 120 Zuhörern seine Heimat Syrien vor, mit Bildern und Videosequenzen aus der Zeit vor Beginn des Bürgerkriegs und danach. Doch zunächst erläuterte er, dass er auf diese Weise um Verständnis für die Situation von Flüchtlingen aus seinem Land werben will. Sie seien keine Wirtschaftsflüchtlinge, sondern Menschen, die der Krieg aus ihrer Heimat vertrieben hat. »Niemand von uns hat vor dem Krieg daran gedacht, einmal fliehen zu müssen«, stellte er klar.
Wie es dazu kam und was der Bürgerkrieg seit 2011 an Elend und Zerstörung bewirkt hat, das machte er deutlich im Kontrast zu der Situation vor Kriegsausbruch. Zunächst waren Bilder von einem Land zu sehen, in dem es sich zu leben lohnt: moderne Städte, wie die Hauptstadt Damaskus und die Wirtschaftsmetropole Aleppo, Landschaften, die zum Urlaub machen einladen und zahlreiche Sehenswürdigkeiten, von denen einige zum Weltkulturerbe gezählt werden.

Niemand dachte an Flucht

Darüber hinaus gab Abdo Al Taha einen groben Überblick über wirtschaftliche Entwicklung, Bevölkerungszusammensetzung, Religionszugehörigkeit und weitere statistische Daten. Seine Zuhörer erfuhren, dass in Syrien bis zum Beginn des Bürgerkriegs 2011 Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religionen einvernehmlich miteinander lebten: Araber, Kurden, Armenier, Turkmenen, Tscherkessen, Aramäer und Assyrer. Die arabische Bevölkerungsmehrheit und weite Teile der übrigen Volksgruppen sind Muslime der sunnitischen Glaubensrichtung (74 Prozent). Dies gilt demnach sowohl für die Anhänger der Regierung Baschar Al Assad als auch für die Oppositionsgruppen, die sich in der Freien Syrischen Armee (FSA) zusammengeschlossen haben. Neben diesen beiden stellt der Islamische Staat (IS) die dritte große inländische Konfliktpartei. Wurde dieser früher von den USA unterstützt, so konzentrieren sich diese mittlerweile auf die FSA. Staatspräsident Al Assad und seine Truppen können auf die Unterstützung Russlands, des Iran und seit Kurzem auch der Türkei rechnen, die den Bürgerkrieg »ausnutzen«, um gegen die Kurden und insbesondere deren militärische Organisation, die PKK, vorzugehen, so Al Taha. Nach seiner Ansicht findet in Syrien ein Krieg statt, in dem es um die widerstreitenden geopolitischen Interessen Russlands und der USA geht, um den Zugriff auf Erdgasreserven im Persischen Golf, aber auch um die Einflusssphären der Regionalmächte Saudi-Arabien und Iran.
Welches Ausmaß an Zerstörung dieser Konflikt bisher für die syrische Bevölkerung gebracht hat, wurde im zweiten Teil der Präsentation deutlich. Ohne für die eine oder andere Kriegspartei Sympathie zu erklären, zeigte sie ein Ausmaß an Zerstörung, das kaum fassbar ist.
Aleppo, zweitgrößte Stadt des Landes und 2010 noch von 2,5 Millionen Menschen bewohnt, berühmt für seine bereits 1986 als Weltkulturerbe ausgezeichnete Altstadt, ist heute nicht viel mehr als eine Ruine. Die Zahlen von 180 000 Toten und einer Million Verwundeter in drei Jahren kann das Leid der Menschen in diesem Bürgerkrieg nur unzureichend beschreiben.

Von arabischen Nachbarn enttäuscht

Besonders hart hat es die Kinder getroffen. Mit Bildern von toten und schwer verletzten Kindern stellte Al Taha diesen Aspekt besonders heraus. Er verwies auf die Gastfreundschaft, die Syrien in der Vergangenheit den Flüchtlingen aus diversen Kriegsgebieten erwiesen habe, von den Tscherkessen, die 1860 aus dem Kaukasus fliehen mussten, bis hin zu den Flüchtlingen aus dem Krieg Israels gegen den Libanon im Jahr 2006. Sie galt immer gegenüber den arabischen Nachbarn, von denen er jetzt sehr enttäuscht ist: »Wir haben Menschen geholfen, wenn sie Hilfe brauchten. Heute sind alle arabischen Länder Verräter«.
Er ist nach Deutschland geflüchtet und lebt seit wenigen Monaten in Homberg. Gegenüber Deutschland zeigte er sich äußerst dankbar, da man hier die Grenzen für Flüchtlinge geöffnet habe. Hier will er sich integrieren und das gesellschaftliche Leben mitgestalten. Seinen Vortrag hatte er mit Unterstützung von Ulrike Sowa aus Homberg erarbeitet. Jetzt hielt er ihn in deutscher Sprache, die er bereits so gut beherrscht, dass auch die Beantwortung von Fragen in der Diskussion möglich war.

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