17. Dezember 2016, 12:00 Uhr

Familiennachzug ist richtig teuer

Für viele Neuankömmlinge und ihre Helfer könnte es ein Grund zur Freude sein. Endlich die Angehörigen aus der Heimat holen, sie in Sicherheit und in der Nähe wissen. Wenn da nicht ein Haken wäre...
17. Dezember 2016, 12:00 Uhr
Schneider_k
Von Kerstin Schneider
Er hat es geschafft. Einer der in Homberg untergekommenen Flüchtlinge kann seine Angehörigen am Flughafen in die Arme schließen. (Foto: pm)
Den »Homberger« Asylbewerbern wurde bis zum jetzigen Zeitpunkt zum großen Teil Asyl gewährt, und das heißt für die Väter unter ihnen, dass sie ihre Familien im Rahmen des gesetzlich geregelten Nachzugs holen können. Wenn die Familien in Syrien ein Visum bei der zuständigen deutschen Botschaft in den angrenzenden Nachbarländern beantragt und dieses erhalten haben, steht nach ein- bis zweijähriger Wartezeit der Zusammenführung der Familien nichts mehr im Wege. Aber: Eine Sache kann durchaus im Weg stehen – das Geld.
Jemand, der von rund 400 Euro im Monat lebt, muss sehr lange sparen, um seiner Familie einen Flug in die Sicherheit bezahlen zu können. R.s Familie ist in den angrenzenden Irak geflüchtet und hat dort lange Zeit in einem Camp gewohnt, das auch in einer Region lag, die vom IS bedroht wurde. Dort kam vor einem Jahr sein Kind zur Welt, natürlich hat es keinen Pass. Wie soll ein Neugeborenes in einem Flüchtlingscamp aus Zelten einen syrischen Pass bekommen? Ohne gültigen Pass für das Baby darf die Familie aber nicht einreisen. Einen Pass aus Syrien zu besorgen kostet ungefähr 1500 Euro.
Ähnlich ist es bei S. Sein jüngstes Kind ist ebenfalls ohne Pass, weil es während des Krieges in Syrien geboren wurde, wo schon nichts mehr funktionierte. Auch dieses Kind braucht einen syrischen Pass, damit die Familie hierherkommen kann. S. hat noch ein anderes Problem.

Lkw-Fahrer sucht Arbeit

Er ist Lkw-Fahrer und würde liebend gern sofort arbeiten. Es geht gegen seinen Stolz, dem Staat auf der Tasche zu liegen, er möchte seine Familie selbst ernähren. Aber um hier als Fahrer arbeiten zu können, muss er den Pkw- und Lkw-Führerschein machen. Und das ist nicht gerade billig, das weiß jeder, der hierzulande schon einmal die Fahrschule besucht hat. Eine Rechtsberatung und damit verbundene Anwaltskosten können auch auf einzelne zukommen, zum Beispiel, wenn die Afghanen in ihr »sicheres« Land zurück sollen, oder wenn eine ganze Familie, die in Ungarn unter Schlägen gezwungen wurde, sich mit einem Fingerabdruck zu registrieren, deshalb nach Ungarn abgeschoben werden soll. Fälle gibt es viele, in denen plötzlich und dringend Geld gebraucht wird. In vielen Fällen haben Ehrenamtler bisher privat Geld verliehen, in der Hoffnung, es wiederzubekommen. Und: Zur großen Freude fließt das geliehene Geld auch regelmäßig zurück. Aber, so fragten sich die Ehrenamtler, wie oft lässt sich das in dieser Höhe wiederholen? Die Antwort: Nicht sehr oft.
Und wäre es nicht auch für alle Seiten angenehmer, wenn der private Aspekt dieser Leihgaben ausgeschlossen werden könnte? Die Idee war es, einen Fonds zu bilden, aus dem sich die Betroffenen zinslos Geld leihen können, das sie dann im Rahmen ihrer Möglichkeiten kurz- oder auch längerfristig zurückzahlen. Zu diesem Zweck hat Pfarrer Bernd Passarge nun im Namen der evangelischen Kirche ein Spendenkonto für Flüchtlingshilfe eröffnet. Die dort eingezahlten Spenden kommen somit allen zugute, die eine Summe brauchen, die sie hier noch nicht erwirtschaften können, sie muss aber zurückgezahlt werden, um allen das Gleiche zu ermöglichen. »Wer hier hilft, der hilft direkt, ohne Verwaltungskosten oder Werbung mitzufinanzieren, und er fördert die Integration und Selbstständigkeit von Geflüchteten, die ihren Weg hier gehen wollen,« meinen die Homberger Helfer. Die Spende komme direkt und zu 100 Prozent dort an, wo sie hin soll. Zum Familiennachzug: Der Familiennachzug ist zwar gesetzlich möglich, aber niemand hilft dabei, ihn umzusetzen. Es gibt keine Finanzierungshilfen von gesetzlicher Seite, es gibt außer von kirchlichen Einrichtungen wie der Caritas in Alsfeld keine Beratung vom Land oder vom Landkreis, die den Asylberechtigten helfen würde, ihre Familien in Sicherheit zu bringen. Es ist ein langwieriges und formal sehr aufwendiges und dann auch noch teures Verfahren, durch das man sich zu kämpfen hat, und kaum einem Geflüchteten gelingt es, sich da allein durchzubeißen. Und wenn er es schafft, sich durch den Formulardschungel zu kämpfen, dann fehlt es am Ende am Geld. »Das ist schade«, finden die Helfer vor Ort. Denn es gibt Untersuchungen, die bestätigen, dass Menschen, die im Kreise ihrer Familie leben, leichter zu integrieren sind, als wenn sie unter der Trennung leiden.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos