05. Oktober 2015, 17:31 Uhr

Kaminer kommt

Lauterbach (fd). Er ist derzeit fraglos einer der lustigsten Autoren des Landes. Nun kommt der große Wladimir Kaminer am 7. Oktober nach Lauterbach. Doch wer ist dieser Mann eigentlich, der mit »Russendisko« einen Klassiker der Popliteratur schrieb?
05. Oktober 2015, 17:31 Uhr
(Foto: man)

Seine Jugend verbrachte Wladimir Kaminer in einem Ei. Das klingt behaglich. War es aber nicht. Vielmehr machte das Leben in der Sowjetunion die Menschen fantasievoll: »Unser Bild von der Welt mussten sich meine Landsleute selbst erschaffen«, erklärte er und ergänzte: »Wir hatten wenige Wissensquellen, sondern mussten uns das Bild selbst zusammenbasteln.«

Und das Leben im Ei weckte die Lust auf Ausbruch und Ablenkung. Für letztere veranstaltete er Konzerte in Wohnungen: »Eigentlich kamen so 100 Jugendliche. Einmal allerdings kamen 1000 Besucher. Natürlich entstand ein großes Durcheinander mit einem Einsatz der Polizei, wodurch der Staat auf unsere Kulturarbeit aufmerksam wurde«, verriet er jüngst im Interview mit dem Streifzug. Die Konsequenz: Armee oder Knast.

Geschichte im Wald erleben

Kaminer entschied sich für ersteres. Und verbrachte so die nächsten Jahre im Wald. »Im dritten Abwehrring vor Moskau. Es ging um die Raketenabwehr von tief fliegenden Zielen.« Doch das einzige tief fliegende Ziel, das er zu Gesicht bekam, war Mathias Rust. Der deutsche Privatpilot konnte mit seiner Cessna 1987 unweit des Roten Platzes in Moskau landen, was innenpolitisch weitreichende Konsequenzen nach sich zog: »In der Sowjetunion stand das Wohl des Staates über dem der Bürger. Wie immer in solchen Systemen wuchs die Bürokratie. Und genauso war es bei der Raketenabwehr. Es gab unzählige Stellen, die aufeinander angewiesen waren, dafür so gut wie keinen Entscheidungsträger. Niemand durfte etwa einen Abschuss von Mathias Rust bewilligen. So hat sein Flug die Hilflosigkeit des Systems gezeigt.« Kaminer und seine Kameraden hatten ihn passieren lassen. So gab es neben den innenpolitischen Veränderungen auch persönlichen Ärger: »Eigentlich sollte es in der Armee so laufen: Im ersten Jahr muss man ackern für zwei. Im zweiten Jahr durfte man dann dafür junge Soldaten für sich ackern lassen. Mathias Rust brachte die Planung durcheinander«, erinnerte sich Kaminer.
Irgendwann hatte das Leben im Wald dann aber ein Ende. Und auch jenes im Ei: »Im Wald haben wir von der Perestroika, dem Umbau des Systems, nichts mitbekommen. Viele meiner Freunde waren inzwischen ins Ausland gegangen. Das wollte ich natürlich auch, die große Welt kennenlernen.

So ging er nach Berlin. 1990 war das, Deutschland frischgebackener Weltmeister. »Davon hatten wir aber nichts mitbekommen, weil wir im Zug saßen. Als wir in Berlin ausstiegen, sahen wir überall lachende Menschen. Alle Autos hupten. Menschen schwenkten ihre Fahnen. In den Kneipen gab es Alkohol umsonst. Mein Freund, der mit mir reiste, hatte damals die Theorie, dass die Deutschen noch immer den Mauerfall, dieses Jahrhundertereignis, feiern würden. Wir sagten sofort: ›In diesem freundlichen Land wollen wir bleiben. ‹ Am nächsten Tag sag es natürlich schon wieder anders aus, aber wir sind trotzdem geblieben«, fasste er jüngst im Interview mit dem Streifzug zusammen. Und auf die Frage, warum jemand, der 1990 noch kein Wort Deutsch sprach, nicht auf Russisch schreibt? »Weil dann wohl kaum einer hier meine Bücher lesen würde. Versteht ja keiner.«

Von Katzen und Gesetzen

Ein Glücksfall für unser Land! Seine Bücher wie »Russendisko« und »Sonnenallee« sind heute Klassiker der Popliteratur. Erst in diesem September erschien »Das Leben ist keine Kunst« mit Kurzgeschichten von Künstlerpech und Lebenskünstlern. Daraus wird Wladimir Kaminer auch in Lauterbach lesen. Unter anderem lobte die »Welt« mit großen Worten: »Kaminer schreibt Bücher, die immer intelligent und etwas anders sind.«

Mit Blick zurück in seine Vergangenheit zeigte sich Wladimir Kaminer sicher, dass Konzerte in Wohnungen mit 100 oder 1000 Besuchern heute undenkbar wären. »Für Ruhestörung bekommt man bis zu vier Jahre Knast. Die Russen sagen: ›Das Schleichen der Katzen gilt als Ruhestörung.‹ Dem Staat geht es aber nicht um die Katzen, sondern um die Besitzer. Solange sie dem Staat loyal bleiben, dürfen die Katzen machen, was sie wollen. Sie können sogar miauen.« Doch machen die Besitzer plötzlich den Mund auf, werden sie wegen ihrer Katzen belangt.

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Wladimir Kaminer liest am 7. Oktober in der Aula der Sparkasse Oberhessen in Lauterbach. Tickets kosten knapp 14 Euro.

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