20. Januar 2021, 21:48 Uhr

An Hammerschlag will er sich nicht erinnern können

20. Januar 2021, 21:48 Uhr

Das Verfahren gegen einen 35-jährigen Syrer, der im vergangenen Mai seine von ihm getrennt lebende Ehefrau in Alsfeld mit einem Gipserbeil erschlagen haben soll (wie diese Zeitung berichtete), nähert sich nur schleppend einem Urteil. Nachdem es an vergangenen Prozesstagen nur wenig Neues gab und es immer wieder zu kleineren Problemen kam, wurde am Mittwoch ein weiteres offenbart. Der Verteidiger des Angeklagten, Rechtsanwalt Roj Khalaf aus Würzburg, stellte einen Antrag, keine Stellungnahme des psychologischen Sachverständigen Dr. Stefan Stöppler, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, anzuhören, da er die Neutralität des Sachverständigen in Frage stellte: »Mein Mandant hat am 3. Mai gesagt, er wolle keine Angaben machen und er sei kaputt - und das haben sie nicht als fehlende Bereitschaft, Angaben zu machen, interpretiert?«, so Khalaf. Auch beim zweiten Treffen mit dem Angeklagten am 6. Juni habe er gegenüber dem Sachverständigen mehrfach erklärt, keine Angaben machen zu wollen, berief sich der Verteidiger auf die Niederschrift des Gutachters. »Nach einer solchen Erklärung zu gehen, hätte ein Mindestmaß an Mitgefühl und Neutralität bezeugt - für mich gibt es da keinerlei Interpretationspielraum.«

Staatsanwalt Thomas Hauburger lehnte den Antrag ab - denn es gibt ein Recht auf Stellungnahme des Sachverständigen. Letztlich blieb die Entscheidung Sache des Gerichts und dieses benötigt geraume Zeit, um zu entscheiden: Anderthalb Stunden, nachdem sich die Vorsitzende Richterin Regine Enders-Kunze mit weiteren Richtern und Schöffen zur Beratung zurückgezogen hatte, konnte sie eine Entscheidung verkünden.

Der Antrag zur Ablehnung der Stellungnahme des Sachverständigen wurde abgelehnt. »Dafür ist es nötig, dass der Sachverständige eine innere Haltung gegen den Beurteilten hat, die seine Neutralität in Frage stellt«, erklärte die Richterin. Eine solche sei nicht erkennbar. Jedoch war auch der Rest der Sitzung von Unterbrechungen und einer angespannten Situation zwischen Richterin, Staatsanwalt und Verteidiger geprägt. Mit langer Verzögerung konnte doch noch die Stellungnahme des Sachverständigen angehört werden.

Viel spricht für eine Tat im Affekt

Dieser hatte sowohl am 3. Mai - nur einen Tag nach der Tat und der Verhaftung des Angeklagten - sowie am 3. Juni mit diesem gesprochen und versucht, ein psychologisches Gutachten zu erstellen. Anhaltspunkte für eine psychische Erkrankung oder ein wahnhaftes Verhalten fand er keine: »Er war nicht in seiner Steuerfähigkeit oder Einsicht eingeschränkt.«

Jedoch kam es aus seiner Sicht vermutlich im Affekt zu der Tat. Denn während der Angeklagte vor Gericht bislang zu den Vorwürfen schweigt, äußerte er sich während der psychologischen Begutachtungen: »Er berichtete von dem der Tat vorangehenden Streit«, berichtete Stöppler. »Danach hätte er seine Frau mit einem anderen Mann telefonieren gehört und habe den Hammer ergriffen, um das Telefon kaputt zu machen.« Zuvor sei es zu einem erneuten Streit gekommen, bei dem er von seiner Frau beleidigt und mit einem Schuh ins Gesicht geschlagen worden sei. An den darauf folgenden Hammerschlag will der 35-Jährige keine Erinnerungen haben. Hierfür hat Stöppler eine Erklärung: »Ich vermute, die Erinnerungen an die Tat sind durchaus vorhanden - aber er will es nicht wahrhaben, was er getan hat.« Die Äußerungen sieht Stöppler als authentisch an und er denkt auch nicht, dass die Tötung der Frau geplant gewesen sei: »Es spricht viel für eine Tat im Affekt.« Nach der Tat setzte der 35-Jährige seine Kinder ins Auto, um mit ihnen nach Nürnberg zu fahren und zu seinem dort lebenden Bruder zu bringen - danach wollte er sich dort der Polizei stellen, soll er erklärt haben. Der Prozess wird fortgesetzt.

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