30. Oktober 2013, 18:08 Uhr

Erinnern im Land der Täter

Alsfeld (pm). Am 9. November vor 75 Jahren zündelten Nationalsozialisten in der damaligen Synagoge, verwüsteten Wohnungen von jüdischen Alsfeldern und brachten acht Männer ins Konzentrationslager. Daran erinnert eine Veranstaltungsreihe von Magistrat, Schulen und Vereinen.
30. Oktober 2013, 18:08 Uhr
Die Synagoge in der Alsfelder Lutherstraße im Modell 1:25. (Foto: Runte)

Am 6. November wird ein detailgetreues Modell des abgebrochenen Gotteshauses vorgestellt, am 8. November ist das Kirchenkino am Thema und am 9. November wird in Alsfeld sowie Angenrod der Opfer gedacht. Mit Gottesdienst am 10. November, Vortrag von Dr. Monika Hölscher über Gedenkkultur und einer Lesung von Dr. Hilde Schramm geht die Reihe weiter.

Erinnert wird auch an das Geschehen in Alsfeld: Am 9. November 1938 brach eine Gruppe Männer, die der SS und der SA zugerechnet werden, in die Alsfelder Synagoge ein, verwüstete den Gottesdienstraum und legte Feuer. Gebetbücher und Vorhänge verbrannten, Stühle und Vorlesepult wurden angesengt. Die NS-Anhänger hinderten die Feuerwehr daran, den Brand zu löschen. Eine große Menschenmenge schaute nach einem Bericht schweigend zu. Im Anschluss zogen die Anhänger der Nationalsozialisten zu Wohnungen jüdischer Alsfelder, warfen Möbel und Waren der Geschäfte auf die Straße. Sie bedrohten die jüdischen Bewohner, manche wurden von Nachbarn geschützt. Acht Männer von 18 und 65 Jahren brachten sie für Wochen in das Konzentrationslager Buchenwald. Der 9. November 1938 zeigte den politischen Willen der Machthaber, die Juden zu vertreiben. Der nächste Schritt war die Ermordung von Millionen Menschen, die nicht rechtzeitig fliehen konnten. Daran erinnert eine Veranstaltungsreihe von Stadt, Albert-Schweitzer-. Geschwister-Scholl- und Max-Eyth-Schule, Geschichts- und Museumsverein, Förderverein zur Geschichte des Judentums, ev. Kirchengemeinden und Ortsbeirat Angenrod. Gefördert werden die Veranstaltungen durch das Bundesprogramm »Toleranz fördern«. In Projekttagen an den Schulen werden Hintergründe vertieft und Folgerungen für die Gegenwart gezogen. Stadtführungen und Arbeit an Berichten von Überlebenden des Holocaust stehen dabei im Mittelpunkt. Dadurch wird deutlich, dass die Ausgrenzung, Vertreibung und Ermordung von jüdischen Alsfeldern Teil der Heimatgeschichte sind. An öffentlichen Veranstaltungen ist vorgesehen: Am Mittwoch, 6. November, um 20 Uhr im Regionalmuseum Alsfeld, Rittergasse, wird ein detailgetreues Modell der neuen Synagoge Alsfeld vorgestellt. Über Synagogen spricht Dr. Christiane Twiehaus, Jüdisches Museum Franken in Fürth. Modellbauer Hans Heinrich Graue stellt die Arneiten vor, die auf Plänen aus dem Stadtarchiv und von Forscher Heinrich Dittmar fußen. Finanziert wurde die Arbeit durch den Geschichts- und Museumsverein. Das Modell ist 1,20 Meter lang.

Kirchenkino und viele Kinderveranstaltungen

Am Freitag, 8. November, lädt das KirchenKino um 18.30 Uhr in das Kinocenter Alsfeld, Marburger Straße, ein. In dem Film »Playoff« geht es um Sport und Vergangenheit. Ende der 1970er Jahre wechselt der Trainer einer Basketball-Nationalmannschaft von Israel nach Deutschland. Journalisten aber sind nur an Stollers Biographie als Holocaust-Überlebendem interessiert. Mit der Mannschaft kommt es zum Eklat.

Umfangreicher als in Vorjahren fällt die Gedenkveranstaltung am Samstag, 9. November, aus. Um 17 Uhr wird an der Lutherstraße in Alsfeld und um 19 Uhr am Synagogenplatz in Angenrod an die Pogromnacht vor 75 Jahren erinnert. In Alsfeld wirken Schüler der Geschwister-Scholl-Schule und Konfirmanden mit, es spricht Bürgermeister Stephan Paule. Ab 18 Uhr Präsentation des Synagogen-Modells in der Dreifaltigkeitskirche am Mainzer Tor mit Musik jüdischer Komponisten, gespielt von Marina und Wladimir Pletner (Alsfeld). In Angenrod wird das Gedenken von ev. Kirchengemeinde und Ortsbeirat organisiert.

Über den Auschwitz-Prozess

Am Sonntag 10. November, befasst sich ab 9.30 Uhr in der Dreifaltigkeitskirche ein Gottesdienst mit dem Gedenken an die Verfolgung und Ermordung von Juden. Gestaltet wird er von Pfarrer Peter Remy. Zudem ist das Synagogen-Modell zu sehen.

Am Freitag, dem 15. November, spricht ab 20 Uhr Dr. Monika Hölscher über das Erinnern an den Holocaust. Bei ihrem Vortrag im Freiwilligenzentrum im »Spital« geht sie auf den Auschwitz-Prozess in den 1960er Jahren ein, der das Schweigen im Land der Täter durchbrochen hat. In den 1980er Jahren wich das Schweigen mehr und mehr einem Diskurs über die Geschichte. Heute sind Orte des Gedenkens geschaffen worden, die Erinnern erleichtern sollen. Dr. Hölscher war Museumsleiterin in Alsfeld, nun leitet sie das Gedenkstättenreferat der Landeszentrale für politische Bildung.

Autorin Dr. Hilde Schramm stellt am Dienstag, 19. November, um 11.40 Uhr in der ASS, Aula »In der Krebsbach«, ihr Buch »Meine Lehrerin, Dr. Dora Lux« vor. Die öffentliche Lesung kreist um die ehemalige Geschichtslehrerin der Autorin, die das Dritte Reich untergetaucht überlebte. Dora Lux war eine der allerersten Abiturientinnen und Studentinnen des Landes. Hilde Schramm ist Tochter von Albert Speer, Hitlers Architekt und als Kriegsverbrecher verurteilt.

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