31. Oktober 2011, 13:53 Uhr

Ausstellung: Konzerne kaufen Bauernland in Afrika auf

Alsfeld (pm). Für mehr Fleisch in deutschen Pfannen und Biosprit im Tank sind sie aktiv: Konzerne, die in Afrika Bauernland in großem Stil aufkaufen und dort für Hunger sorgen. Darüber informiert eine Ausstellung in Alsfeld.
31. Oktober 2011, 13:53 Uhr
Der Hunger nach Fleisch und Bio-Treibstoff macht afrikanische Bauern arm: Dr. Ute Greifenstein. (Foto: pm)

Alsfeld (pm). Gegen unfaire »Land-Grabscher« richtet sich eine Ausstellung in der Max-Eyth-Schule Alsfeld, die noch bis Freitag, 4. November, zu besichtigen ist. Dazu lädt der Weltladen Alsfeld ein. Als Land-»Grabscher« wird bezeichnet, wer sich unberechtigt und durch unfaire Weise in den Besitz von Land bringt. Das in den letzten Jahren sprunghaft angestiegene Landgrabbing von Seiten internationaler Konzerne, auch als neue Form des Kolonialismus bezeichnet, beunruhigt viele in der Entwicklungsarbeit Tätigen. Am Donnerstagabend eröffnete der Weltladen Alsfeld in der Aula der Max-Eyth-Schule eine Wanderausstellung von »Brot für die Welt« zum hochbrisanten Thema. Dr. Ute Greifenstein vom Zentrum Ökumene der EKHN aus Frankfurt nahm über 50 Gäste auf einen Vortrag über ein rasant um sich greifendes, weltveränderndes Phänomen mit. »Nach Weltbankberichten haben allein zwischen Oktober 2008 und August 2009 rund. 47 Mio Hektar an Boden den Besitzer gewechselt. Das ist ein Viertel der in der EU genutzten Fläche.

Seit 2000 wurden schätzungsweise mindestens 80 Mio ha Land an Investoren vergeben. Allein in Afrika wurden mindestens 30 Mio ha verkauft oder verpachtet«, so machte die Referentin die Dimensionen klar. Antriebe zum Ausverkauf gebe es viele: Veränderte Konsummuster, sinkende Ernten, Devisenhunger, Abkopplung vom Weltmarkt, Nachfrage nach Agro-Treibstoffen und nicht zuletzt renditesuchendes Anlagekapital. Möglich werde die »neue Landnahme« dadurch, dass die traditionellen Besitzer und Nutzer der Flächen oft keinen formalen Besitztitel an ihrem Land haben. Oder aus kulturellen Gründen mit Land keine Besitzbarkeits-Vorstellungen verbinden. Oder über den Tisch gezogen werden. Landverkauf bringt schnelle Devisen und böses Erwachen. Seit der Finanzkrise ist die Finanzbranche unter Druck und sucht nach sicheren, ertragbringenden Investitionsmöglichkeiten. Investitionen in Ackerland und Infrastruktur gelten als der große Renner. Saftige Renditen sollen entstehen aus Intensivlandwirtschaft, Hochleistungssaatgut, Agrarchemie und Mechanisierung.

Kläglich dabei der Beschäftigungseffekt: Beim industriellen Maisanbau gibt es 0,01 Jobs pro Hektar, beim Zuckerrohr 0,35 pro ha. Bei traditioneller Bewirtschaftung können hingegen über fünf Menschen von einem Hektar leben. Fazit: Die Menschen werden vertrieben, der Hunger vermindert sich nicht, sondern steigt. Keine der mit landgrabbing verbundenen Hoffnungen sei bisher eingetroffen. »Glauben Sie denen nicht, die behaupten, es werde nur ungenutztes Land hergegeben. Ungenutztes Land gibt es nicht« betonte Ute Greifenstein. Sie gab Beispiele aus Tanzania, Brasilien, Indonesien und Sierra Leone (dort geht es um 10 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche) zu den Praktiken, mit denen manchmal formal-legal, manchmal krass illegal und gewaltsam das Land übernommen wird.

Konsequenzen sind Vertreibung der Bewohner, ökologische Folgeprobleme durch Intensivlandwirtschaft, hemmungsloser Umweltverbrauch, Einschränkung der eigenen Subsistenz-Produktion, Verlust von Wasser- und Wegerechten. »Die wenigsten Firmen haben Skrupel bei ihrem Tun«, fasste die Referentin zusammen.

Das hat viel mit uns, den Bewohnern der reichen Nordstaaten, zu tun. Dort besteht die Nachfrage nach Futtermitteln für die Fleischerzeugung, nach Biosprit, nach Rendite. Aber auch die Verantwortung: Der sich, so auch die Meinung zahlreicher Diskutanten aus dem Publikum, kein Konsument hierzulande entziehen könne. Die Zivilgesellschaft sei gefordert, Licht in die ominösen Vorgänge zu bringen, mit denen in rasender Schnelligkeit die Welt umgekrempelt wird. Auf die Frage aus dem Publikum, was anstelle dieses verhängnisvollen Mega-Trends gesetzt werden müsse: Tatsächlich seien Investitionen in die Landwirtschaft dringend nötig. Um die Ernährungssicherheit bis 2050 zu sichern, müsse aber in die hochproduktive kleinbäuerliche Nahrungsmittelproduktion investiert werden: mit landwirtschaftlicher Beratung, Verbesserung der Vermarktung, einem Agrarfinanzsystem und einer Landumverteilung zugunsten der dort lebenden Bevölkerung. Nur damit könne die Produktion gefördert werden.

Allerdings: »Tatsächlich bauen wir heute schon Nahrungsmittel für 12 Milliarden Menschen an, sind aber nur sieben und eine Milliarde Menschen davon hungern.« Ein teil der eigentlich ausreichenden Produktion lande in der Tiermast und im Autotank. »Runter vom Fleisch- und Energieverbrauch und rein in die Diskussion über das, was ein gutes Leben ausmacht« gab die Referentin den Besuchern mit auf den Weg. Zum Dank überreichte Hildegard Maaß einen kleinen Geschenkkorb aus dem Angebot des Alsfelder Weltladens.

Die Ausstellung »Land ist Leben: Landraub für fremde Teller, Tank und Trog« kann bis Freitag während der Schulzeiten in der Aula der Max-Eyth-Schule in Alsfeld besucht werden.



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