28. Oktober 2010, 19:16 Uhr

Freude über Aufschwung - Sorge um Energiepreis

Frankfurt/Vogelsbergkreis (jol). Von »Mister Europa« waren sie begeistert, der Schlagabtausch der Politiker war eher »eine Belustigung« und das auf dem Podium hoch gelobte Konjunkturpaket ist an einigen von ihnen vorübergegangen - jedenfalls viel Diskussionsstoff lieferte der Besuch des Wirtschaftstag für mehrere dutzend Vogelsberger Unternehmer, die am Mittwoch die Veranstaltung der Volksbanken und Raiffeisenbanken mit rund 3000 Besuchern in Frankfurt besucht haben.
28. Oktober 2010, 19:16 Uhr
Mit einer 50-köpfigen Gruppe Vogelsberger Unternehmer war die VR Bank HessenLand nach Frankfurt gefahren - zum Wirtschaftstag mit hochkarätigen Rednern. (pm)

Frankfurt/Vogelsbergkreis (jol). Von »Mister Europa« waren sie begeistert, der Schlagabtausch der Politiker war eher »eine Belustigung« und das auf dem Podium hoch gelobte Konjunkturpaket ist an einigen von ihnen vorübergegangen - jedenfalls viel Diskussionsstoff lieferte der Besuch des Wirtschaftstag für mehrere dutzend Vogelsberger Unternehmer, die am Mittwoch die Veranstaltung der Volksbanken und Raiffeisenbanken mit rund 3000 Besuchern in Frankfurt besucht haben. Ein hochkarätiges Programm mit dem Premierminister von Luxemburg und überzeugten Europa-Streiter, Jean-Claude Juncker, Ex-Bundespräsidentenkandidat Joachim Gauck und einer Reihe Führungskräfte führte gesellschaftliche Themen und Wirtschaft zusammen. Besonders beeindruckend fanden dabei Holger Dick und Karl-Heinz Müller (Seipp und Kehl, Gemünden) den ehemaligen EU-Ratspräsidenten Juncker, »da hat man gemerkt, mit welcher Überzeugung und Leidenschaft er für Europa eintritt«.

Ohne die gemeinsame Währung Euro wäre die Bewältigung der Finanzkrise viel schwieriger gewesen, sagte der Politiker bei der Veranstaltung in der Jahrhunderthalle. Die konsequente Haushaltskonsolidierung ist für Juncker »optionslos«. Aber ist die Krise bereits überwunden? »Die Restaurants sind wieder voll, die Leute fahren dicke Autos, aber trotzdem haben die Amerikaner die Befürchtung, es könne noch eine Krise nachkommen«, beschrieb Rolf Schmidt-Holz, CEO Sony Music Entertainment, die Stimmungslage in den USA. Ähnlich beurteilte auch Friedhelm Loh die aktuelle Situation. »Die Krise ist noch nicht vorbei«, warnte der Vorstandsvorsitzende der Friedhelm Loh Group (Rittal). Selbst das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr gleiche den Rückgang in 2009 noch nicht aus.

Zuversichtlich äußerte sich der Vorstandsvorsitzende der Lufthansa AG, Wolfgang Mayrhuber: »Das Frachtgeschäft ist ein klassischer Frühindikator für die Konjunktur. Und genau dort verzeichnen wir in 2010 ein sehr gutes Ergebnis«. Die Lage im eigenen Unternehmen beschrieb auch Friedhelm Loh durchaus positiv. Auf dem »hochinteressanten chinesischen Markt beschäftigen wir rund 1100 Mitarbeiter. Und wir werden in diesem Jahr dort ein neues Werk eröffnen«. Aber »wir denken viel zu Deutsch«, und müssen globaler werden, so Loh.

Welche Konsequenzen haben die Erfahrungen aus der Wirtschafts- und Finanzkrise auf die Globalisierung? Erforderlich seien internationale Regeln, sagte Heiner Flassbeck, Chef-Ökonom von der Handelskonferenz der UN in Genf (UNCTAD). Wichtig sei die Erkenntnis, dass Handel keine Einbahnstraße darstelle. Die Finanzkrise hatte nach Ansicht von Jutta Sundermann, der Mitbegründerin und Sprecherin der globalisierungskritischen Organisation Attac Deutschland, keine erkennbaren Konsequenzen für die Branche. »Die großen Banken sind heute noch riesiger als vor der Krise«. Der Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen, Anton F. Börner, appellierte an die Europäer und Amerikaner, China bei der Bewältigung ihrer erheblichen sozialen Probleme konstruktiv zu begleiten.

Der ehemalige Präsidentschaftskandidat Dr. h.c. Joachim Gauck brachte die Gäste zum Nachdenken mit seinem Appell, die großen Chancen einer Demokratie zu sehen und sie nicht schlecht zu reden. Deshalb ist ihm das Wählen-gehen so wichtig. Die Politik sei besser als ihr Ruf. Das Problem der Politiker sei ihre Unfähigkeit zur Kommunikation mit den Bürgern. So bot der Wirtschaftstag viele spannende Einblicke in die Wirtschaft und gab Ausblicke auf Chancen mit Produkten »Made in Germany« in der globalisierten Welt. Und die positiven Einschätzungen überwogen: Europa ist ein Garant für Frieden und eine gemeinsame Währung, zu deutscher Qualität wird auch in China aufgeschaut, wie mehrfach in den Beiträgen anklang.

Zentrale Frage für die Besucher war die nach den Chancen für den Mittelstand in einer ökonomischen Entwicklung, die vorrangig auf die großen Unternehmen achtet. Die Globalisierung spielt auch für eine mittelständige Firma wie Seipp und Kehl mit rund 50 Mitarbeitern eine Rolle. So hat die Firma bislang in erster Linie für deutsche Firmen gearbeitet, aber inzwischen kommen an die zehn Prozent des Umsatzes s aus dem Ausland - Tendenz steigend, wie Holger Dick sagte. Die Weltwirtschaft ist ein Geben und Nehmen, pflichtete Werner Braun (VR Bank HessenLand) Juncker bei. Dabei müsse aber auch das Interesse der Firma beachtet werden, gab Dick zu Bedenken.

Interessante Denkanstöße bekam Erhard Weicker aus Leusel besonders durch Friedhelm Loh vermittelt, der mit einer Unternehmensgruppe über 2000 Mitarbeiter in 60 Ländern beschäftigt. Dieser sei mit seiner vorsichtigen internationalen Strategie durchaus erfolgreich. Wichtig fand Weicker auch die Anmerkungen Junckers über die lange Friedensphase ihn Europa, »Frieden ist das wichtigste überhaupt«.

Gerhard Rühl (Raiffeisenbank Kirtorf) freute sich über die positiven Aussichten Jean-Claude Junckers zu Europa und zur wirtschaftlich Leistungsfähigkeit Deutschlands. Der Wirtschaftstag habe auch seine eigene Einschätzung bestätigt, dass die Wirtschaftskrise noch nicht komplett ausgestanden ist. Man könne stolz sein auf die gute Bewältigung der Krise in Deutschland. Sein Kollege Axel Jost nahm vom Wirtschaftstag mit, dass 60 Jahre Frieden in Europa eine besondere Leistung seien, die zu wenig gewürdigt werden. Das gelte auch für die friedliche Revolution in der DDR, woran Joachim Gauck erinnert habe. »Wirtschaft ist nicht nur das Materielle«, sondern auch Teil des gesellschaftlichen Lebens.

Unterschiedliche Ansichten gab es über den Nutzen des Konjunkturpakets von Land und Bund. So hat die Spedition von Gerhard Georg aus Ehringshausen nicht davon profitiert, wie er sagte, aber Werner Braun, Vorstand der VR Bank HessenLand, kennt eine ganze Reihe an Handwerkern, die sehr stark davon profitiert haben.

Noch wenig Spielraum für deutlich höhere Löhne sehen die Unternehmer. Immerhin ist im Vorjahr die deutsche Wirtschaft um über 5 % geschrumpft, da seien 3,4 % Wachstum in diesem Jahr notwendig, um zunächst einmal »die Löcher aus dem Vorjahr« zu stopfen, wie Karl-Heinz Müller erläuterte. Braun freute sich über gute Modelle der Mitarbeiterkooperation in einigen Vogelsberger Unternehmen. Die seien in der Krise relativ erfolgreich geblieben und hätten jetzt auch bessere Chancen. Wichtig sei die Flexibilität, schließlich gehe es Unternehmen nur gut, wenn es den Beschäftigten gut geht - aber auch umgekehrt. Wenn man nun die Mitarbeiter besser bezahle, müsse man die eigenen Produkte verteuern, das geht aber nicht unbedingt, weil die Kunden dann abspringen, gab Karl-Heinz Müller zu bedenken.

Mit Interesse nahmen die Unternehmer den Schlagabtausch zwischen SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles und ihrem FDP-Gegenpart Christian Lindner über die deutsche Energiepolitik zur Kenntnis. Bezahlbare Energie ist für Müller, Dick, Braun und Georg eine besonders wichtige Grundlage für Unternehmenserfolg. Hohe Dieselpreise machen dem Spediteur Georg zu schaffen, künftig werden mehr Fahrzeuge mit Elektroantrieb unterwegs sein. »Dann werden auf den Firmenparkplätzen Steckdosen sein und der Strom muss irgendwo herkommen«, so Georg. Die Energiepolitik, die eher Monopole begünstigt, wird da eher skeptisch gesehen.

Friedrich-Wilhelm Hering aus Heimertshausen freute sich zwar einerseits über das hohe Ansehen der deutschen Wirtschaft im Ausland, meinte aber, man solle nicht mit zu viel Stolz auftreten, um dem Vorwurf von Größenwahn zu entgehen. Beeindruckt hat ihn die »ruhige, sachliche Art« Joachim Gaucks, allein dafür habe sich die Fahrt nach Frankfurt gelohnt.

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