21. Dezember 2009, 22:20 Uhr

Ein unvergessener Heiliger Abend an der Grenze

Alsfeld (pm). Eine ganz besondere Weihnachtsgeschichte hat sich am Heiligen Abend des Jahres 1958 im geteilten Deutschland an der innerdeutschen Grenze zwischen Hessen und Thüringen in der Hohen Rhön zugetragen.
21. Dezember 2009, 22:20 Uhr

Alsfeld (pm). Eine ganz besondere Weihnachtsgeschichte hat sich am Heiligen Abend des Jahres 1958 im geteilten Deutschland an der innerdeutschen Grenze zwischen Hessen und Thüringen in der Hohen Rhön zugetragen. Die Geschichte ist in erweiterter Fassung und leicht abgeänderter Form im Buch »Grenz-Erfahrungen - Der kalte Kleinkrieg an einer heißen Grenze - Erlebnisse eines West-Grenzers« zu finden. Das Buch beinhaltet interessante und amüsante Erlebnisberichte von der innerdeutschen Grenze aus der Sicht ehemaligen Bundesgrenzschutzbeamten Herbert Böckel. Ungewöhnliche Begegnungen mit Ost-Grenzern(Vopos), gefährliche Zwischenfälle und erschütternde Grenzschicksale werden ebenso aufgezeigt wie allgemeine Informationen zur innerdeutschen Grenze und der deutsch-deutschen Geschichte von der Teilung bis zur Einheit.

Das Werk beleuchtet das Thema Grenze hautnah aus der Sicht eines Beteiligten und dokumentiert, was an dieser unmenschlichen Trennungslinie geschah. Fotos von damaligen Ereignissen und zum Themenbereich Grenze ergänzen die Texte.

Das Weihnachtsfest des Jahres 1958 im geteilten Deutschland stand vor der Tür. Die Erinnerungen an die entbehrungsreichen und teilweise traurigen Feste der Kriegs- und Nachkriegsjahre waren besonders bei den älteren Menschen noch vorhanden. Beiderseits der Trennungslinie in Hessen und in Thüringen bereiteten sich die Menschen in der Rhön auf dieses Familienfest vor. Nur in den Kasernen der Grenzorgane diesseits und jenseits der Grenze, sowohl beim Bundesgrenzschutz als auch bei der DDR-Grenzpolizei, spielte das bevorstehende Fest eher eine unbedeutende Rolle, denn auch am Heiligen Abend und an den beiden Weihnachtsfeiertagen standen die üblichen Grenzstreifen auf dem Dienstplan. So war es in der traditionsreichen Bleidornkaserne in Fulda, wo am Heiligabend jenes denkwürdigen Jahres 1958 am Nachmittag die jungen Männer von der Spätstreife des Bundesgrenzschutzes Richtung innerdeutsche Grenze ausrückten.

Das Einsatzgebiet in der Hohen Rhön war gegen 15 Uhr erreicht und bei nasskaltem, trübem Winterwetter brachen sechs junge West-Grenzer in der Nähe des Schwarzen Moores zu einer Fußstreife entlang der damals noch durchlässigen und teilweise nur mit einem einfachen Stacheldrahtzaun gesicherten Grenze auf. Im dichten Schneetreiben begegnete der Fußstreife West bald eine Fußstreife Ost.

Das Wetter wurde immer ungemütlicher, es begann heftig zu schneien. Auf der einsamen Hochfläche war bald keine Orientierung mehr möglich, zumal der Grenzzaun stellenweise gänzlich fehlte. Nach einer guten Stunde hatten sich die Grenzer hoffnungslos verlaufen. Der aufkommende Verdacht, dass man schon weit im »verbotenen Land« unterwegs war, sollte sich bald bestätigen. Die Lichter und Häuser eines kleinen Rhöndorfes kamen näher und beim Einmarsch in das einsam und verlassen wirkende Dörfchen war man sich fast sicher, dass man im thüringischen Birx war.

Es war bitter kalt und wie ein Wink vom Himmel kam eine kleine Dorfkneipe in Sicht. Dort kehrte der Spähtrupp wider Willen mit gemischten Gefühlen ein.

Als die verschneiten grünen Gestalten mit den umgehängten Gewehren in die Wirtsstube eintraten, haute es den verdutzten Wirt hinter seiner Theke fast um. Im Schankraum waren zwar keine Gäste, doch der Wirt deutete auf eine nach hinten führende Tür und brachte mühsam einen Satz heraus: »Dort im Nebenzimmer sitzen drei Vopos (Grenzpolizisten der DDR) und spielen Skat.« Kaum hatte der Mann dies ausgesprochen, öffnete sich jene Tür und es traten drei olivgraue Gestalten in der Uniform der Ost-Grenzer in die Wirtsstube. Die Überraschung war perfekt. Die drei Kameraden hatten mit allem gerechnet, nur nicht damit, dass ihnen ein Spähtrupp aus dem Westen begegnet. Es war eine unbeschreibliche, seltsame und groteske Situation. Etwas entzerrt wurde die Lage, weil die Akteure aus dem Osten unbewaffnet waren, weil ihre Maschinenpistolen im Nebenzimmer am Kleiderhaken hingen. Die Situation zwischen Sprachlosigkeit, Erstarren und Bangen wurde jäh unterbrochen, als die Wirtin in der Küche das Radio eingeschaltet hatte, aus dem es nun laut tönte: »Stille Nacht, heilige Nacht...«

Damit war der Bann aber noch lange nicht gebrochen, denn man stand sich abwartend und lauernd gegenüber. Doch dann kam mir, inspiriert durch die weihnachtliche Weise, ein nahe liegender Gedanke. Ich machte einen Schritt auf den Anführer der Ost-Grenzer zu, streckte meine Hand aus und sagte: »Na denn ihr Jungs, wir wünschen Euch Frohe Weihnachten...« Er reichte mir die Hand und sagte: »Tatsächlich, heute ist ja Weihnachten, wir wünschen Euch ebenfalls ein Frohes Fest.« Und dann fügte er den bemerkenswerten Satz hinzu: »Und dies hier ist aber eine schöne Bescherung...« Ich pflichtete ihm bei und erwiderte: »Und nun müssen wir hier das Beste daraus machen.« Der hinter ihm stehende Kamerad hatte seine Sprache wiedergefunden und fügte hinzu: „Dann nehmt doch endlich diese Dinger da runter, sonst könnte man glatt glauben, ihr hättet es auf uns abgesehen...« Erst jetzt bemerkten wir, dass wir immer noch unsere Waffen schussbereit vor uns hielten.

Der Bann war gebrochen. Inzwischen hatte der Wirt seine Frau eingeweiht. Er kam auf uns zu und erklärte erleichtert: »Ich gebe jetzt einen aus, schließlich haben wir Weihnachten und meine Frau macht uns allen ein Essen...« Dann stellte er die Schnapsflasche auf den Tisch und schlappte Flaschenbier herbei. Die gesamtdeutsche Weihnachtsfeier konnte beginnen. Die Waffen wurden in die Ecke gestellt und es fand eine kleine Wiedervereinigung statt. Die Anspannung hatte sich in Nichts aufgelöst und es war wie bei einer Betriebsweihnachtsfeier. Die Kameraden von drüben legten auch ihre Hemmungen ab.

Nach zwei Stunden war es an der Zeit, die gesamtdeutsche Weihnachtsfeier zu beenden. Und so geschah es dann auch. Der Wirt bedankte sich für den »hohen Besuch« . Wir versicherten uns alle gegenseitig hoch und heilig, über diese Weihnachtsfeier Stillschweigen zu bewahren sei.

Unser Rückzug war gesichert, da sich die neugewonnenen Freunde erboten, bis zur Grenze ein sicheres Geleit zu geben. »Und in bester Stimmung schritten wir dann unter dem gesamtdeutschen Sternenzelt hinter unserer Pfadfindern Ost Richtung Staatsgrenze West«. Unterwegs wurde wenig gesprochen, jeder musste das soeben Erlebte erst einmal verarbeiten.

Dies war auch nötig, »schließlich hatten wir nach den ersten kritischen Minuten in der Gaststube weitaus mehr als erwartet intensiv miteinander geredet und dabei unseren Beruf, unseren Auftrag und die unumstößliche Tatsache der Existenz einer unmenschlichen und gefährlichen Grenze, die uns und Millionen Deutsche in Ost und West schon seit Jahrzehnten voneinander trennte, fast völlig außer acht gelassen und vergessen«.

»Jener Heiligabend in der Rhön beinhaltete für mich und meine Kameraden eine Zeitspanne, die ich heute mit dem gebührenden Abstand von fünfzig Jahren als die Sternstunde im Leben eines Menschen bezeichnen möchte«. Nachdem wir die Grenze erreicht hatten und beim Streifenfahrzeug angekommen waren, gab es für unsere Kameraden noch eine kleine Bescherung, überreichten ihnen unsere mitgenommenen Weihnachtsgaben, mit denen sie zufrieden am Waldrand verschwanden.

Vom hessischen Rhöndörfchen Seiferts im Ulstertal riefen die Glocken zur Mitternachtsmesse und uns kam es so vor, als breitete ihr Klang über uns und die Grenze hinweg die frohe Botschaft der Heiligen Nacht von Versöhnung und Friede auf Erden aus.

(Das Buch »Grenz-Erfahrungen« des Autors Herbert Böckel, Alsfeld, Neuerscheinung, kam Anfang Dezember 2009 in Parzellers Buchverlag in Fulda heraus. ISBN 978-3-7900-0421-2, Preis 17,90 Euro).

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