09. November 2009, 22:50 Uhr

»Es ist unsere Pflicht, zu erinnern und zu mahnen«

Alsfeld (ml). »Wir müssen Partei ergreifen für die, die verfolgt und getötet wurden«, meinte Joachim Legatis vom Förderverein Jüdische Geschichte Vogelsberg bei der Gedenkfeier am Montag.
09. November 2009, 22:50 Uhr
Schüler der Klassen 8bR und 9bR von der Geschwister-Scholl-Schule zitierten Gedichte von Mascha Kaleko und Rose Ausländer. Dazu äußerten sie auch ihre Gedanken zu jenem 9. November 1938, der Anlass für die Gedenkveranstaltung war. (Foto: ml)

Alsfeld (ml). »Wir müssen Partei ergreifen für die, die verfolgt und getötet wurden«, meinte Joachim Legatis vom Förderverein Jüdische Geschichte Vogelsberg bei der Gedenkfeier am Montag. Am Gedenkstein für die Alsfelder Synagoge in der Lutherstraße gedachten auch in diesem Jahr wieder viele Menschen der Opfer der Reichspogromnacht vor 71 Jahren. Damals brannten in Deutschland Synagogen, jüdische Geschäfte wurden zerstört und der Massenmord an ihnen nahm seinen grausamen Anfang. Bei der Gedenkfeier beteiligten sich auch wieder 18 Konfirmanden von Pfarrer Peter Remy und 16 Schüler Geschwister-Scholl-Schule mit kulturellen Beiträgen.

In seiner Begrüßung erklärte Legatis, dass dem Förderverein zwei Ziele besonders wichtig seien. Man wolle den einzelnen Menschen, die in Folge des Nazi-Terrors gestorben sind, wieder Namen geben. Sechs Millionen Juden wurden ermordet, 55 Millionen Opfer forderte der Zweite Weltkrieg insgesamt. Darüber hinaus hätten solche Gedenkfeier auch symbolischen Charakter. »Geschichte ist, was wir daraus machen«, so Legatis. Mit diesen Veranstaltungen setze man ein Zeichen nach außen. Zudem wolle man die Erinnerung an die jüngere Generation weitergeben, daher sei die Beteiligung der Jugend besonders schön und wichtig.

Man könne die Vergangenheit weder verabschieden oder vergessen noch könne sie gleichgültig werden, meinte Bürgermeister Ralf A. Becker in seiner Ansprache. »In diesem Sinne ist es auch unmöglich, Vergangenheit zu bewältigen«. Sie bleibe immer ein Stück Gegenwart, zitierte er den Theologen Hans Küng. Möglich aber sei es, die Vergangenheit kritisch auf- zuarbeiten. Sie könne für die Zukunft genützt, die Ursachen analysiert und es könnten Lehren daraus gezogen werden. Die Pogromnacht vor 71 Jahren und die folgenden Verbrechen des deutschen Terrorstaates böten dazu Gelegenheit. Dies alles sei nicht irgendwo geschehen, sondern auch in Alsfeld, wo die Synagoge ebenfalls zum Tatort gehörte. 71 Jahre später gebe es kaum noch Menschen, die aus eigenem Erleben darüber erzählen könnten. Umso dankbarer dürfe man denjenigen sein, die die Erinnerung daran wach hielten, indem sie die Geschichte erforschten und das Erlebnis einfacher Menschen erfahrbar machten, so Becker.

Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung seien ganz reale jüdische Frauen, Männer und Kinder gewesen, Nachbarn, Arbeitskollegen und Spielkameraden, sagte der Bürgermeister. »Sie wurden brutal aus dem Alltag gerissen und ermordet«. Die Pogromnacht seien bis dahin der Höhepunkt von Exzessen gegen den jüdischen Teil der Bevölkerung gewesen. Heute erinnerten auch Stolpersteine, die kürzlich in Alsfeld verlegt wurden, an das Schicksal der jüdischen Bürger. Diese Stolpersteine hielten die Erinnerung an Menschen aus Alsfeld wach. Mit diesem Bezug zur Vergangenheit gehe auch die Mahnung einher, dass die Menschen einander verantwortlich seien. Man dürfe es nicht zulassen, dass Menschen ihrer Überzeugung, ihres Glaubens oder ihrer Meinung wegen ausgegrenzt oder verfolgt würden, so Becker abschließend.

Umrahmt wurde die Gedenkfeier von Beiträgen der Schüler der GSS. 16 Schüler der Klassen 8bR und 9bR zitierten Gedichte von Mascha Kaleko und Rose Ausländer. Gemeinsam mit den Lehrern Ulf-Dieter Fink und Susanne Luley hatten sie diese Gedichte vorbereitet. Dazu äußerten sie auch ihre Gedanken zu jenem 9. November 1938.

Man wolle aus diesen Fehlern lernen, damit man mit mehr Menschlichkeit leben könne. Es sei kein Platz für Missachtung der Freundschaft. »Wir werden nicht schweigen, sondern reden und es weitergeben«, so einige Gedanken der Schüler. Es sei Wunsch und Pflicht zu erinnern und zu mahnen. Pfarrer Peter Remy erklärte, dass Namen nicht nur Schall und Rauch seien, sie würden ein ganzes Leben bergen. Seine Konfirmanden lasen die 50 Namen der ermordeten Alsfelder Juden vor. Zwischen acht und 81 Jahre alt hatten sie in Alsfeld ihren letzten frei gewählten Wohnort. Zum Abschluss wurden nach jüdischem Brauch Steine mit den Namen der 50 Opfer vor dem Gedenkstein niedergelegt.



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