05. Dezember 2008, 20:08 Uhr

Vortrag von Andrea Röpke über Frauen in der Nazi-Szene - »Sie sind genauso menschenverachtend wie die Männer«

Alsfeld (jol). Sie demonstrieren für die Todesstrafe bei »Kinderschändern« und werben dabei Nachwuchs für die Nazi-Szene: Rechtsextreme Frauen sind Bindeglieder, Mütter des nationalistischen Nachwuchses und zunehmend als Funktionärinnen in rechtsextremen Kreisen aktiv.
05. Dezember 2008, 20:08 Uhr
Mit der »völkischen« Familie unterwegs, Aufnahme von einem Treffen der rechtsextremen HDJ. (Fotos: pm/jol)

Alsfeld (jol). Sie demonstrieren für die Todesstrafe bei »Kinderschändern« und werben dabei Nachwuchs für die Nazi-Szene: Rechtsextreme Frauen sind Bindeglieder, Mütter des nationalistischen Nachwuchses und zunehmend als Funktionärinnen in rechtsextremen Kreisen aktiv. Zudem treten sie bei Kommunalwahlen für ihre vorbestraften Männer an und betreuen Kinder im Zeltlager mit Fahnenappell und Abhärtungstraining. Über Nazistinnen berichtete am Donnerstag die Journalistin Andrea Röpke. Sie zeigte, dass so manches unbedarfte Mädchen über eine Beziehung zum »netten, rechten Jungen« in eine Kameradschaft hineinrutscht und kaum aus den rassistischen Männerbünden herauskommt.

Michael Riese vom Netzwerk gegen Rechtsextremismus Vogelsberg begrüßte die gut 50 Interessierten. Die Veranstaltung sowie Diskussionen Röpkes mit Zehntklässlern in Alsfeld wurden gefördert durch das Bundesprogramm »Vielfalt tut gut«. Andrea Röpke ist seit über zehn Jahren auf Recherchen in Nazi-Kreisen spezialisiert, inzwischen legt sie einen Schwerpunkt auf die Beobachtung von Zeltlagern der »Heimattreuen Deutschen Jugend« HDJ, die im Stil der Hitler-Jugend den Nachwuchs auf Linie bringen.

De Rechtsextremisten-Szene sei eine »absolute Männerbastion«, Frauen würden oft auf die Rolle als Helferinnen bei Info-Ständen und als Mütter des nationalen Nachwuchses reduziert. Dabei gilt bei Neonazis die sogenannte »Volksgemeinschaft« als wichtigstes, »der Einzelne ist nichts«. Aber es gibt Veränderungen in der Szene, worauf Röpke besonders aufmerksam machte. Inzwischen tauchten mehr Frauen auf den Wahllisten der NPD auf, wohl auch deshalb, weil die Männer oft schon mehrfach vorbestraft sind. So hat eine Nazi-Funktionärin in Thüringen bei Kommunalwahlen zehn Prozent der Stimmen erhalten, sie versteht sich als Vertreterin ihres Mannes, einem mehrfach vorbestraften »Brocken« aus militanten Kameradschaften. »Den würde doch kaum Einer wählen«, meinte Röpke, deshalb seien Nazi-Frauen oft auch das werbende Gesicht der Rechtsextremisten. Dabei seien gerade die Funktionärinnen »knallharte Rassistinnen«. Fremdenfeindlichkeit und der Glaube an die deutsche Rasse seien immer noch die Kernthemen der Naziszene, dazu komme eine ausgeprägte Gewaltbereitschaft, wie Röpke mit Filmaufnahmen verdeutlichte. »Früher haben Frauen die Männer aufgestachelt, heute sind sie selbst militant dabei«. Bei der Werbung für die Szene treten Frauen in den Vordergrund, sie wollten gerade junge Frauen ansprechen. 130 Funktionärinnen der Szene sind dabei im »Ring Nationaler Frauen« organisiert.

In Grünberg sei erst vor Kurzem ein nationaler Frauenkreis gegründet worden. Die extrem rechten Frauen machten inzwischen an die 30 Prozent der Naziszene aus, und sie seien ebenso radikal und fanatisch wie die Männer. Manche tendierten zur Gewaltbereitschaft der Szene, viele sehen sich aber eher als Frauen der männlichen Nazis: »Mutterfrauen« mit vielen Kindern für die »Volksgemeinschaft«.

In weiten Teilen der rechtsextremen Szene werde von den Frauen erwartet, dass sie »nationale« Kinder bekommen. Das war für eine Aktivistin aus der Szene der Grund, nicht mehr mitzumachen - im Film meinte sie, dass für sie dann Schluss war, als die Bewegung ihr habe vorschreiben wollen, wann sie Kinder zu bekommem hätte. Übrigens ist sie im Film nur anonymisiert zu sehen, weil sie Angst vor den Kameraden von einst hat.

Bei der Erziehung spielen Zeltlager eine große Rolle, die von der Heimattreuen Deutschen Jugend HDJ betrieben werden, so die Referentin weiter. Erfahrene Nazi-Kader drillten da den Nachwuchs paramilitärisch - mit Unterricht in Rassismus und Demokratiefeindschaft. Die Funktionäre sind nicht mehr zu erreichen, so Röpke aus eigener Erfahrung. »Wir haben 10 000 harte Neonazis in Deutschland, die Familien gründen«, da müsse die Gesellschaft gegenhalten, wenn sie nicht die demokratische Ordnung in Gefahr bringen wolle.

Wichtig, so Röpke weiter in der Diskussion, seien Treffpunkte für Jugendliche ohne menschenverachtende Themen der Rechten. Die Zivilgesellschaft solle selbstbewusst aktiv sein, Angebote für junge Menschen machen und keine Freiräume für rechtsextreme Angebote lassen. »Das Schlimmste ist, im Jugendbereich zu kürzen, das lässt den Rechten zu viel Platz«.



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