20. April 2018, 21:40 Uhr

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Wenn die Stadt in den letzten 30 Jahren gebaut oder saniert hat, war er dabei. Das Rathaus trägt ebenso die Handschrift von Hartmut Klee wie sanierte Schulen oder die »Osthölle«. Nach über 25 Jahren als Leiter des städtischen Hochbauamts ist Klee nun verabschiedet worden. Aber so ganz kann auf seine Dienste noch nicht verzichtet werden.
20. April 2018, 21:40 Uhr

Herr Klee: Wir treffen Sie im Rathaus. Fällt die Trennung so schwer?

Hartmut Klee: Ich habe zwar kein Büro mehr und bin auch seit 31. März kein Amtsleiter mehr, aber es gibt noch Dinge abzuarbeiten.

Was sind das für Arbeiten?

Klee: Es geht um das Gefahrenabwehrzentrum, bei dem ich die Planungen noch stundenweise begleite. Und es stehen noch zwei größere Architektenwettbewerbe an, bei denen ich in der Jury sitze. Das ist der Ausbau der Kongresshalle und die Sanierung und der Ausbau der Gesamtschule Ost. Ein Riesenprojekt. Bei beiden Wettbewerben sollen im Juni Entscheidungen fallen. Danach ist dann aber endgültig Schluss.

Wie hat es denn angefangen?

Klee: Ausgewählt und eingestellt worden bin ich vom CDU-Stadtbaurat Wolf. Mit der Kommunalwahl kam 1985 der Wechsel von der CDU-Stadtregierung zu Rot-Grün. Wolf war danach nur noch sechs Wochen im Amt. Er war ein sehr engagierter Stadtplaner und Architekt, der mit den Projekten bis ins Detail vertraut war. Sein Ziel war es, dass das Hochbauamt keine reine Bauverwaltungsbehörde ist, sondern selbst plant und eigene Entwürfe entwickelt. Das wurde auch unter den folgenden Planungsdezernenten gelebt. Mein zweiter Schwerpunkt war der Aufbau eines funktionierenden Facilitymanagements mit Zusammenführung von Bau- und Technikunterhaltung. Neu in meiner Amtszeit war auch die regelmäßige Durchführung von Architektenwettbewerben, das hatte in Gießen keine Tradition. Das Hochbauamt ist beim Schuldezernenten angesiedelt, weil Schulbau das Hauptstandbein ist.

Was war Ihr erstes Projekt in Gießen?

Klee: Ich sage immer spaßeshalber, ich stieß 1985 zu einer Rentnerband. Viele Kollegen waren noch Kriegsteilnehmer und schieden dann aus. Ich hatte plötzlich die Fertigstellung des Wallenfels’schen Hauses an der Hacke, zeitgleich die Fertigstellung des neuen Werkstattgebäudes der Theodor-Litt-Schule und auch das Feuerwehrhaus in Rödgen. Das waren meine Startprojekte.

Die Frage nach dem größten Projekt erübrigt sich wohl, da sitzen wir gerade drin.

Klee: Ja. Das Rathaus. Bei der Gelegenheit: Es hat nicht 75 Millionen Euro gekostet, wie Sie letztens geschrieben haben, sondern 71,3 Millionen. Der Auftrag ist damals tatsächlich vergeben worden über 56 Millionen Euro. Die Mehrkosten sind dann vor allem durch die Altlasten im Boden entstanden, außerdem sind teilweise die Kosten für die Wieseck-Renaturierung und die Außenflächen des Kinos eingerechnet worden.

Was war Ihr schwierigstes Projekt?

Klee: Von der Logistik und der Statik die Sanierung und der Ausbau der Sporthalle Ost. Wir haben damals Basketballspiele in der Baustelle durchführen lassen. Außerdem war eine komplette Überdeckung des Hallendachs erforderlich.

Schwierig wird es demnach, wenn man bei Bestandsgebäuden auf Unvorhergesehenes trifft.

Klee: Klar. Wenn man an Schulbauten aus den 1950er Jahren plötzlich feststellt, die Decken sind nicht mehr tragfähig, steht man erst mal da und hat Baustopp. Man muss überlegen, wie man das Problem löst. Machbar ist zwar alles, aber es ist immer auch eine Frage der Kosten. Diesbezüglich war der Umbau der früheren US-Grundschule an der Grünberger Straße für die Helmut-von-Bracken-Schule am schlimmsten.

Die Frage nach dem ärgerlichsten Projekt erübrigt sich jetzt.

Klee: Obwohl die Grundschule aus Fertigbauteilen errichtet wurde, was eigentlich eine optimale Voraussetzung ist, ist die Zusammensetzung vor Ort so katastrophal gelaufen, dass das Gebäude statisch eigentlich nicht hätte funktionieren dürfen. Das war wirklich kriminell, was wir da erlebt haben. Dann explodieren natürlich die Kosten. Die Probleme mit den Giften in den alten Baustoffen nicht zu vergessen. Das PCB im Fall der Herderschule, oder Dioxine und Furane nach Bränden wie in der Ostschule, die Asbestproblematik oder Holzschutzanstriche. Wenn es früher gebrannt hat, wurde hinterher geschaut, ob Salzsäure den Beton angegriffen hat, nach Dioxinen und Furanen hat kein Mensch gefragt.

Jetzt aber zum schönsten Projekt?

Klee: Es gab viele schöne Projekte. Außergewöhnlich war die Wiederherstellung des Zuschauerraums im Stadttheater im Jugendstil. Schön ist es auch immer, wenn man etwas direkt mit dem Nutzer entwickeln kann, so wie die Familienzentren in den Neubaugebieten Marburger Straße West und Schlangenzahl.

An der Basilika-Sanierung auf dem Schiffenberg waren Sie doch auch beteiligt.

Klee: Mittelbar durch den Denkmalschutz. Die Zuordnung der Unteren Denkmalschutzbehörde zum Hochbauamt fällt auch in meine Amtszeit.

So viele Denkmäler haben wir in Gießen ja nicht mehr.

Klee: Auf den ersten Blick mag das stimmen, aber die Gießener Denkmaltopografie ist dicker als in vielen anderen Städten, weil es an den Rändern Gießens und in den dörflichen Stadtteilen doch viele Baudenkmäler gibt. Die Innenstadt hat ihr historisches Gesicht durch die Kriegszerstörung zwar weitgehend verloren, aber ihr Erscheinungsbild hat sich verbessert. Wenn Sie vor 30 Jahren durch den Seltersweg gegangen sind, haben Sie nur Werbung gesehen, heute sieht man schöne Gründerzeit- und Jugendstilfassaden.

Baubehörden sehen sich regelmäßig mit Debatten über Kostensteigerungen konfrontiert. Auch Ihnen hat man angemerkt, dass Sie das gelegentlich genervt hat.

Klee: Kostenüberschreitungen sind ein abendfüllendes Thema. Wie Sie es machen mit der Kalkulation, machen Sie es verkehrt. Die Kollegen in Frankfurt sind derart gebrannte Kinder, die schlagen bei jedem Projekt von vorneherein 30 Prozent drauf. Die Sanierung der städtischen Bühnen ist dort jetzt mit über 800 Millionen Euro veranschlagt worden, über 100 Millionen mehr als für die Elbphilharmonie. Mal sehen, ob sie damit bei der Politik durchkommen.

Haben Sie mal ausgerechnet, wie viel Bau- und Investitionsvolumen Sie seit 1985 in Gießen umgesetzt haben?

Klee: Nein. Das machen Sie vielleicht, wenn Sie irgendwo fünf oder zehn Jahre tätig waren, aber nicht auf so einer Strecke, wie ich sie hier zurückgelegt habe.

Lassen wir den finanziellen Zwang weg: Was hätten Sie gerne anders gemacht?

Klee: Schön wäre es gewesen, auf das E-Klo zu verzichten, um dort eine angemessene Eingangssituation für die Stadt zu schaffen. Anders hätte ich es am Berliner Platz gemacht. Man darf nicht vergessen, dass das Behördenhochhaus aus den 50ern, das Stadthaus aus den frühen 60er und die Kongresshalle aus den späten 60er Jahren in ihrer Zeit Hochkaräter der Architektur waren. Die haben korrespondiert mit dem Stadttheater. Das Spiel der Proportionen haben wir mit der Riesenbaumasse von Rathaus und Kino aufgegeben. Das ist einer der typischen Gießener Brüche im Stadtbild. Wäre es nach mir gegangen, hätten wir Behördenhochhaus und Stadthaus saniert. Stadtbibliothek, Kunsthalle und Konzertsaal hätte man da natürlich nicht unterbringen können.

Was hat Ihnen am meisten Spaß gemacht?

Klee: Die Bandbreite an Objekten, die man in Gießen planen kann. Als befriedigend habe ich es empfunden, wenn wir den Sport-Aushängeschildern TV Lützellinden, Gießen 46ers oder jetzt TV Hüttenberg im Rahmen unserer Möglichkeiten helfen konnten.

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