01. März 2019, 22:23 Uhr

Zwischen Trauer und Revanche

01. März 2019, 22:23 Uhr
1926 wurde das erste große Kriegerdenkmal der Stadt am Landgraf-Philipp-Platz eingeweiht. (Foto: Stadtarchiv)

»Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg und seine Toten scheint heute meist wegen der Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit zu geraten. Es lohnt sich aber, genau hinzuschauen«, leitete Dr. Ludwig Brake seinen Vortrag im Alten Schloss ein. Er erinnerte daran, dass die Kampfhandlungen 1918 noch nicht einmal beendet waren, als bereits die ersten Pläne entwickelt wurden, der Toten zu gedenken. Begrüßt wurde er wie die zahlreichen Besucher seitens des Vorstands des veranstaltenden Oberhessischen Geschichtsvereins von Dr. Carsten Lind mit Hinweis auf Brakes Tätigkeit als Leiter des Gießener Stadtarchivs.

Brake hatte in seinem Vortragsthema »Zwischen Trauer und Revanche – Kriegerdenkmäler des Ersten Weltkrieges im Kreis Gießen« bereits angedeutet, womit sich sein Lichtbildvortrag beschäftigen werde. Er konzentrierte sich im Wesentlichen aber auf den Bereich der Stadt Gießen. Er erinnerte daran, dass gerade in den letzten Jahrzehnten die Kriegerdenkmäler Anlass zu heftigen Diskussionen waren, die teilweise sehr kontrovers verliefen, letztlich aber zu einem Konsens führten. Eine Betrachtung der Sinngebung gerade dieser in Denkmälern manifestierten Form der Einnerung habe immer von der zur Zeit der Planung herrschenden zeitgeschichtlichen Situation auszugehen. Die Veränderungen ließen sich dann kritisch analysieren, aber oft werde der Fehler gemacht, Erkenntnisse aus dem Jahr 1945 über die der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg zu stellen.

Nicht nur alle Denkmäler zum Ersten Weltkrieg, die öffentlich in Gießen zu sehen sind (wie das am Landgraf-Philipps-Platz oder die in Kleinlinden und Wieseck) hätten der Kriegstoten gedacht. Eine Reihe von Erinnerungen hätten sich auch in Räumen von Schulen, der Universität oder von Vereinen befunden. Am Anfang der Planungen habe stets die Trauer um die Opfer gestanden, die der Krieg gefordert habe, wobei nicht selten auch an die Verluste des Gegners gedacht worden sei. In diesem Zusammenhang verwies der Stadtarchivar auch auf die in Gießen verstorbenen französischen Kriegsgefangenen. Brake rief auch ins Gedächtnis, dass kaum ein Dorf oder eine Stadt nach dem »ersten modernen Krieg zwischen Volksheeren« ohne Kriegerdenkmal geblieben sei, da Deutschland im Unterschied etwa zum Kriegsgegner Frankreich keine zentrale Gedenkstätte geschaffen habe.

Lange Umsetzungsphasen

Nicht nur in Gießen sei die Phase vom Wunsch nach einem Kriegerdenkmal bis zu dessen Umsetzung derart lang gewesen, dass sich im Laufe der Jahre ein unheilvolles Umdenken durchgesetzt habe. Hier habe, so Brake, auch Gießen keine Ausnahme gemacht. Geschürt von vorwiegend rechter Propaganda habe sich deutschlandweit unter dem Eindruck des Versailler Vertrags die Ansicht durchgesetzt, das deutsche Heer sei »im Felde unbesiegt« gewesen und eine Revanche insbesondere gegenüber Frankreich unbedingt erforderlich. Mit der Machtübernahme der Nazis habe dieses Denken die Trauer um die »im Sturmgebraus« ausharrenden und letztlich »als Helden Gefallenen« nicht nur überlagert, sondern sogar in den Hintergrund gedrängt. Das lasse sich auch an den Gießener Kunstwerken nachweisen. Dies tat Brake, ohne bewusst näher auf den künstlerischen Aspekt einzugehen,

In Eigeninitiative von Patienten des im Windhof in Heuchelheim gelegenen Lazaretts entstand am 8. August 1915 im Kreis Gießen das erste Denkmal, das bis heute als verschollen gilt. Die Stadt konnte sich lange nicht auf den Standort eines Kriegerdenkmals einigen. Immer wieder wurden Entscheidungen vertagt. Letztlich kam eine Einigung zumindest darüber zustande, dass ein Platz innerhalb des Innenstadtbereichs gewählt werden sollte.

Da die »Stadt wieder einmal nichts tat«, so Brake, wurden die Vereine und insbesondere der Reservistenverband der 116er aktiv. Der Oberbürgermeister weihte dann 1926 das erste große Denkmal der Stadt am Landgraf-Philipp-Platz ein. Schon 1934 aber war bei der Einweihung des Denkmals in Kleinlinden davon die Rede, »dass es kein Tag des Leides, sondern einer des Stolzes« sei. Erst recht die Einweihung des Denkmals zwischen Friedhof und »Poart« in Wieseck am 29. November 1936 unter reger Anteilnahme der Bevölkerung durch Bürgermeister Karl Euler stand ganz unter NS-Vorzeichen.

Brake zeigte nicht nur die oft turbulente Phase der einzelnen Denkmäler von der Planung zur Vollendung auf, sondern vor allem auch die Umwidmung der von den Nazis missbrauchten Denkmäler hin zu Mahnmalen für Erhaltung und Sicherung des Friedens. Qualifizierte Beiträge aus dem Publikum folgten und ergänzten den schönen Abschluss der OHG-Vortragsreihe. (Foto: has)

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