16. Oktober 2019, 21:38 Uhr

Zwischen Trauer und Glück

16. Oktober 2019, 21:38 Uhr

30 Jahre. In diesem Zeitraum haben Medizin, Diagnostik und Therapie riesige Fortschritte gemacht. Nicht verändert jedoch haben sich die Urangst, die Not und die Hilflosigkeit von Menschen, die schwer erkranken und auf Heilung oder Erlösung vom Leid hoffen. Davon kann Regina Pabst erzählen. Im September 1989 nahm sie im Uniklinikum in Gießen ihre Arbeit als Seelsorgerin auf. »Die Verunsicherung des Einzelnen ist sogar noch größer geworden, je weiter sich die Medizin und das Wissen über Krankheiten entwickelt haben.« Heutzutage fühlten sich viele Patienten gezwungen, selbst Bescheid zu wissen. »Auch ich habe doch schon Dr. Google konsultiert«, räumt die Seelsorgerin mit einem Schmunzeln ein.

Grundlegend verändert hat sich auch das Gesundheitswesen. Der Zwang zur Wirtschaftlichkeit führt dazu, dass für Patienten und ihre Sorgen weniger Zeit bleibt. Ärzte und Pflegepersonal haben zwar Gespür für die seelischen Nöte der Patienten, doch viel seltener den Spielraum, sich einfach an das Krankenbett zu setzen und zuzuhören. Regina Pabst erinnert sich, dass früher auch die Putzfrauen, die beim Austeilen des Essens halfen, offene Ohren und tröstende Worte für die Kranken hatten. Und so ist heute das Team der evangelischen wie auch der katholischen Klinikseelsorge stärker gefragt als vor 30 Jahren. Allein an der Zahl der Notrufe, die sie zu einem Patienten führen, kann die Seelsorgerin das ablesen.

In den späten 70er Jahren studierte Regina Pabst Gemeindepädagogik, lernte ergänzend das Predigen und wurde befähigt, als Prädikantin evangelische Gottesdienste zu leiten. Als kleines Mädchen wünschte sie sich, Pfarrerin zu werden, fand jedoch zu wenig weibliche Vorbilder in der Kirche, die ihr zum Theologiestudium hätten Mut machen können. Sie erhielt sogar den Rat, wolle sie als Frau in die Gemeinde, solle sie lieber einen Pfarrer heiraten. Was sie tat, doch aus ganz anderen Gründen.

Mag in den letzten 30 Jahren die Zahl der Kirchenmitglieder kleiner geworden sein: Der Wunsch und die Sehnsucht von Patienten nach christlicher, aber auch in weiterem Sinne spiritueller Begleitung nimmt nicht ab. »Ältere Menschen können mir gegenüber frei ihren Glauben bekennen und über Gott sprechen«, sagt die Seelsorgerin. Pabst überfällt aber keinen mit einem Gebetsangebot. »Ich muss Anknüpfungspunkte finden.« Zwar versucht Regina Pabst unter vier Augen mit den Patienten zu sprechen, doch im Krankenhausalltag gelingt das nicht immer. Zweibettzimmer seien aber nicht zwangsläufig ein Hemmschuh für seelsorgerische Gespräche. In der extremen Situation der Krankheit und des Klinikaufenthaltes bildet sich mitunter eine erstaunliche Nähe zwischen Bettnachbarn. Manchmal stellt sich heraus, dass der oder die Bettnachbarin mindestens genauso viel Zuspruch braucht.

Regina Pabst ist im Uniklinikum in rund 20 Stationen unterwegs. Als gebürtige Gießenerin trifft sie dabei zahlreiche ihr bekannte Menschen. Routine im Umgang mit Not und Angst stellt sich aber auch nach 30 Jahren nicht ein. »Jeder Mensch hat seine ganz eigene Geschichte«, sagt Regina Pabst. Sie will den Menschen ganz zugewandt sein und ihr Leid wahrnehmen, aber zugleich Abstand halten. Und sie lässt sich - und das ist der Ertrag von 30 Jahren Seelsorgepraxis - nicht aus der Ruhe bringen. (Foto: pm)

Schlagworte in diesem Artikel

  • Diagnostik
  • Elend
  • Evangelische Kirche
  • Gießen
  • Glück
  • Google
  • Not und Nöte
  • Patienten
  • Seelsorgerinnen und Seelsorger
  • Gießen
  • Redaktion
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos