Stadt Gießen

Zwischen Karl-May-Romantik und Heldentod

Wilhelm Krull las auf Einladung des Literarischen Zentrums Erzählungen und Tagebucheinträge aus der Zeit von 1912 bis 1922. Die Lesung war Teil des Begleitprogramms der Stadtarchivausstellung »Gefangen im Krieg – Gießen 1914 bis 1919« im KiZ.
26. November 2014, 13:13 Uhr
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Wilhelm Krull (Foto: dw)

»The great war« nennen ihn die Engländer, »la grande guerre« die Franzosen – in Deutschland dagegen steht die Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg weit hinter der mit dem Zweiten. Das hat wesentlich mit der spezifisch deutschen Geschichte zu tun, verkennt aber die tiefe »Zäsur menschlicher Erfahrung«, so Wilhelm Krull, die der Krieg von 1914 bis 1919 darstellte. Ein Grund für den national und international renommierten Wissenschaftsmanager, diesem »Krieg von allen Seiten« im Spiegel der literarischen Verarbeitung nachzugehen.

Zwei lebensgroße Pappkameraden stehen im KiZ verloren am Rand. »Gefangen im Krieg – Gießen 1914 bis 1919« heißt die Ausstellung des Stadtarchivs, zu der sie gehören. Sie sind Zeugen eines Krieges, der herausragend ist, in der Art wie er unterschätzt und wie er heroisiert wurde, vor allem aber in den Auswirkungen seiner zerstörerischen Gewalt. Mit seiner Zusammenstellung ausgewählter Texte, namhafter und unbekannter Autoren, die allesamt in den Jahren kurz vor, während und nach diesem dramatischen Ereignis entstanden, spannte Krull am Dienstagabend im KiZ bei einer Lesung des Literarischen Zentrums Gießen beeindruckend den Bogen von der Verharmlosung, über die Heroisierung bis zur Mythologisierung – ohne die Mahner zu vergessen.

17 Millionen Tote und rund 70 Millionen Menschen an den Waffen – als der Krieg im August 1914 begann, spiegelte sich die grenzenlose Begeisterung auch in literarischen Dokumenten wider; und das trotz erster pazifistischer Bewegungen. Doch auch spätere Kritiker, wie Käthe Kollwitz oder Stefan Zweig, erinnern sich des Ewigkeits- und Einheitsgefühls, das er auslöste und das sich im kaiserlichen Wort »Ich kenne nur noch Deutsche« niederschlug. Es verdrängte die wenigen warnenden Stimmen, wie die von Wilhelm Lamszus, der in »Das Menschenschlachthaus« bereits 1912 das bedrohliche Brüllen der Kriegsmaschinerie hört. Ihm ist klar, dass dieser Krieg anders sein wird. Die romantische Möglichkeit jedoch, ein Held zu werden, oder eine den Tod überwindende Freundschaft und Kameradschaft, wie sie Walter Flex im »Wanderer zwischen den Welten« heraufbeschwört, übertönt alles andere.

»Großen Seelen ist der Tod das größte Erleben.« – bis in die 30er Jahre wurde das Buch, so Krull, in hoher Auflage rezipiert. Entlang der gesellschaftlichen Verankerung biblischer Metaphorik wird das Soldatentum mythologisiert und ihr Morden zum heiligen Krieg in mittelalterlichen Bildern stilisiert – die moderne Waffentechnik ausgeblendet. Einem Karl-May-Abenteuer gleicht das Soldatentum bei Autoren wie Manfred Freiherr von Richthofen. An die Stelle der ritterlichen Reiterei setzt er den motorisierten Kampf in den Lüften und entwirft dynamische Kampfszenen, die abenteuerlichen Jagdszenarien gleichen, obwohl die Realität schon nach wenigen Monaten im zermürbenden Stellungskrieg erstarrt.

Der erwartete schnelle Sieg und der tatsächliche Krieg klaffen bald weit auseinander. Die schöne Uniform, das jedermann in Aussicht gestellte Heldentum, die schnellen Eroberungen und die kolonialen Macht-
fantasien bleiben abstrakt, während die jenseits der Vorstellungskraft liegende zerstörerische Kraft dieses erstmals mit Maschinen geführten Krieges Gestalt gewinnt.

Verhandeln ist die Alternative

Kritische Stimmen fallen der Zensur zum Opfer und finden allenfalls in der literarischen Form des Tagebuchs ihren Niederschlag. Illegal wird ein 1916 entstandener Text Leonhard Franks aus der Schweiz nach Deutschland gebracht. In beeindruckender Klarheit entlarvt er die Rhetorik des Krieges mit ihren hohlen Phrasen: »Ich frage euch; ist der kein Mörder, der ein unschuldiges Kind so erzieht, das es erst zum Mörder werden muss, bevor es selbst ermordet wird?«

Wenn man etwas aus dem Ersten Weltkrieg lernen könne, so Krull zum Abschluss der Lesung der von ihm zusammengestellten Texte und Tagebucheinträge, deren Aktualität trotz der großen zeitlichen Distanz atemberaubend ist, dann lautet sie so: Verhandeln ist immer eine Alternative zur bewaffneten Auseinandersetzung. Doris Wirkner

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Zwischen-Karl-May-Romantik-und-Heldentod;art71,96866

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