Stadt Gießen

Zwischen Frieden und Endzeitkampf

Man stelle sich vor, am 2. Juli 1505 wäre in Stotternheim kein Gewitter aufgezogen. Dann wäre der junge Jura-Student Martin Luther auf dem Weg nach Erfurt sicher nicht in das Unwetter geraten, er hätte wohl keine Todesangst gehabt und der heiligen Anna wahrscheinlich an diesem Tag auch nicht gelobt, Mönch zu werden. Und er hätte vielleicht nie die Abneigung gegen Juristen entwickelt, die sich in vielen seiner Schriften findet.
24. April 2017, 20:01 Uhr
Christian Schneebeck
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Horst Carl

Man stelle sich vor, am 2. Juli 1505 wäre in Stotternheim kein Gewitter aufgezogen. Dann wäre der junge Jura-Student Martin Luther auf dem Weg nach Erfurt sicher nicht in das Unwetter geraten, er hätte wohl keine Todesangst gehabt und der heiligen Anna wahrscheinlich an diesem Tag auch nicht gelobt, Mönch zu werden. Und er hätte vielleicht nie die Abneigung gegen Juristen entwickelt, die sich in vielen seiner Schriften findet.

Ob die Geschichte stimmt oder nicht: Dass der Reformator oft gegen Rechtsgelehrte wetterte, lasse sich nicht allein mit seinem eigenen Studienabbruch erklären, erklärte der Historiker Prof. Horst Carl im Vortrag »Juristen – böse Christen. Luther und das weltliche Recht«, der zu der Reihe »Freiheit und Rechtfertigung. Martin Luther und das Recht« des Rudolf-von-Jhering-Instituts für rechtswissenschaftliche Grundlagenforschung der JLU gehörte.

Doch warum bemühte Luther dann wiederholt das um 1300 entstandene Wort der »bösen Christen«? Ein Stein des Anstoßes sei das kanonische Recht gewesen, meinte Carl. Über die Regeln der römisch-katholischen Kirche, die Luther »päpstlichen Dreck« nannte und einmal gar öffentlich verbrannte, setzte er sich selbst nicht zuletzt durch die Heirat mit Katharina von Bora hinweg. Ähnlich problematisch war sein Verhältnis zu staatlichen Gesetzen: Luther habe diese vor allem mit Zwang und Gehorsam verbunden und dagegen naturrechtliche Prinzipien betont, sagte Carl. Wenn er etwa die Billigkeit, also die Angemessenheit rechtlicher Normen, zum Maßstab erhob, stellte er das positive Recht ein Stück weit infrage – ohne aber dessen Autorität als »Ordnungs- und Friedensstifter« vollends zu relativieren.

Damit könne aus seinen Schmähungen keineswegs die Position Luthers zum weltlichen Recht abgeleitet werden. Stattdessen zeichnete Carl ein vielschichtiges Bild von der Rechtstheorie des Reformators, von ihren Leitlinien und Widersprüchen. Sinnbildlich stand dabei die »Bigamie-Affäre« um Landgraf Philipp I. von Hessen. 1539 sollte Luther aus theologischer Sicht ein Gutachten zu Philipps Plan erstellen, eine zweite Ehe parallel zu seiner ersten einzugehen. Luther billigte die Doppelehe – ausnahmsweise und obwohl sie nach kirchlichen Regeln streng verboten und nach weltlichem Recht mit der Todesstrafe bedroht war.

Lange vor dieser Episode hatten die Bauernkriege Luther bereits in der Mitte der 1520er Jahre in Bedrängnis gebracht. Dabei äußerte er sich eigentlich klar zu den Unruhen, wie Carl verdeutlichte: Die Bauern könnten ihren Kampf gegen die Landesherren nicht auf seine Thesen stützen, als »Agenten des Teufels in der Welt« dürften sie notfalls mit Feuer und Schwert bekämpft werden. Dann wieder gab Luther allerdings den Mittler zwischen den Parteien, unter anderem, indem er für den Weingartener Friedensvertrag von 1525 starkmachte.

Die Position des Reformators zum weltlichen Recht und damit verbundenen Konflikten war also stets mehr oder weniger widersprüchlich. Carl nannte als weiteres Beispiel die zeitgenössische Diskussion über das Widerstandsrecht der Untertanen gegen eine als illegitim empfundene Obrigkeit. Zunächst habe Luther ein solches Recht kategorisch abgelehnt, in den 1530er Jahren dann bedingt erlaubt – wohlgemerkt als »Sache des weltlichen Rechtes«, nicht der theologischen Auslegung. Wenige Jahre später war schließlich die völlige Kehrtwende vollzogen. Luthers Argumentation jetzt: Als Sachwalter des Papstes sei der Kaiser ohnehin der »Antichrist« und von allen Rechtgläubigen zu bekämpfen.

Aus einer zustimmenden Haltung zu weltlichem Recht, das Widerstand verbot, war so erst eine ambivalente und dann ablehnende geworden. Diese »paradoxe Radikalisierung« sei nur aus Luthers »radikalisierter eschatologischer Theologie« zu verstehen, die den endzeitlichen Kampf mit dem Teufel in nächster Nähe wähnte, sagte Carl. (Foto: csk)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Zwischen-Frieden-und-Endzeitkampf;art71,245041

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