31. August 2018, 22:06 Uhr

Zwischen Fehlplanung und Druck

31. August 2018, 22:06 Uhr
»Schulen am Abgrund?« fragen sich (v.l.) Christoph Degen (SPD), Gabi Faulhaber (Linke), Wolfgang Greilich (FDP), Frank Steinraths (CDU), Mathias Wagner (Grüne) und die GEW-Landesvorsitzende Maike Wiedwald. Rechts Moderator Klaus Pradella. (Foto: con)

Gießen (csk). Schule und Zahlen passen nicht zusammen. Das gilt für viele Schüler – und offenbar auch für manche Politiker. Beispiel Lehrermangel: Lange sei das hessische Kultusministerium von sinkenden Schülerzahlen ausgegangen, sagten gleich mehrere Landtagsabgeordnete bei einer Podiumsdiskussion der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) am Donnerstag in der Kongresshalle. Weil mittlerweile aber stetig mehr Kinder eingeschult würden, fehle es an Lehrern. »Vor sechs Jahren waren die Kinder doch geboren, die jetzt in die Schule kommen«, schimpfte ein Zuhörer. Ihm antwortete Mathias Wagner (Grüne): »Wir als Parlamentarier verstehen das auch nicht.«

Dass es nicht nur in Hessen zu wenige Nachwuchslehrer gibt, gehörte zu den eher unstrittigen Punkten der Debatte »Schulen am Abgrund? Weiter wie bisher?« Einzig Frank Steinraths verwies auf das vor 20 Jahren noch ungünstigere Verhältnis von Lehrer- und Schülerzahlen und meldete leise Zweifel an. »Da kann ich jetzt rein rechnerisch keinen Mangel sehen«, meinte der CDU-Mann, der als Regierungsvertreter einen schweren Stand im Saal hatte.

Besonders heftig kritisierten die Zuhörer den Umgang der Politik mit den Pädagogen. Obwohl ihr Beruf »eigentlich hochattraktiv« sei, erreichten Hunderte Überlastungsanzeigen das Kultusministerium, berichtete die GEW-Landesvorsitzende Maike Wiedwald. Studien bestätigten die hohe Belastung, vor allem durch Verwaltungsarbeiten und außerunterrichtliche Verpflichtungen. »Da müsste jeder Arbeitgeber hellhörig werden«, so Wiedwald. Tatsächlich erhielten viele Lehrer auf ihre Anzeige nicht einmal eine Antwort.

Bildungsprogramm gefordert

»Wie die Landesregierung mit meinem Berufsstand umgeht, ist unanständig«, wetterte ein Zuhörer. In dieselbe Kerbe schlugen die Oppositionspolitiker. So brandmarkte die Linke Gabi Faulhaber eine schwarz-grüne »Ignoranz gegenüber bildungspolitischen Themen« und Christoph Degen (SPD) mahnte zu »mehr Ehrlichkeit«. Wolfgang Greilich (FDP) ging also mit gutem Beispiel voran, als er sagte: »Die Aufgaben der Schulen sind schneller gewachsen als die Ressourcen.«

Inklusion und Integration, Ganztagsbetreuung, Evaluation und Verwaltung – auch abseits des Unterrichts fehlt Personal. »Multiprofessionelle Teams« aus Sozialpädagogen, Psychologen und Verwaltungskräften müssten Lehrer entlasten, sagte Wagner. Für Seiteneinsteiger in den Lehrerberuf skizzierte Degen einen »qualifizierten Quereinstieg«. Und der Sozialdemokrat bekräftigte, Studenten dürften nur bei extremen Engpässen reguläre Stunden übernehmen.

Die Gewerkschafter forderten außerdem, die Pflichtstundenzahl zu senken und die Anliegen von Berufsschulen stärker zu berücksichtigen. Eine konkrete Verbesserung mahnten sie noch für Grundschullehrer an. Diese müssten genauso entlohnt werden wie ihre Kollegen an weiterführenden Schulen. Das Geld dafür sei vorhanden, betonte Wiedwald. Als »politisches Signal« könne die Regierung etwa jene 500 Millionen Euro, die Hessen von 2019 beim Länderfinanzausgleich spart, in ein »umfassendes Bildungsprogramm« stecken.

Wenn Lehrer Missstände öffentlich anprangerten, dürften sie nicht länger unter »Repressionen« leiden, sagte ein Zuhörer. »An unserer hohen Wertschätzung für die Lehrer hat sich nichts geändert«, hatte Steinraths kurz zuvor erklärt und so lautes Gelächter ausgelöst. Diesen während der gesamten Diskussion spürbaren Frust goss ein Pädagoge schließlich in ein vergiftetes Kompliment. Nach der Debatte wisse er zumindest, »wie es zu dem heutigen Zustand kommen konnte«, sagte er: »Danke dafür!«

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