Stadt Gießen

Zwei Stunden im Kampf gegen die Eiseskälte

Gießen (ti). Morgens vor dem Frühstück im Halbschlaf zum Briefkasten zu gehen, um die Zeitung zu holen, ist bei den derzeitigen Minustemperaturen die reine Hölle. Doch wie geht es jenen Menschen, die die Nachrichtenblätter jeden Morgen zu den Lesern bringen? Wie schützen sie sich vor der klirrenden Kälte?
12. Januar 2009, 22:42 Uhr
Dick eingepackt trägt Walter Döring bei den derzeit eisigen Temperaturen Nacht für Nacht die Gießener Allgemeine aus.	(Foto: ti)
Dick eingepackt trägt Walter Döring bei den derzeit eisigen Temperaturen Nacht für Nacht die Gießener Allgemeine aus. (Foto: ti)

Gießen (ti). Morgens vor dem Frühstück im Halbschlaf zum Briefkasten zu gehen, um die Zeitung zu holen, macht zu keiner Jahreszeit wirklich Spaß. Bei den derzeitigen Minustemperaturen allerdings ist es die reine Hölle: Die Eiseskälte trifft einen wie Nadelstiche im Gesicht. Das Papier lässt sich kaum anfassen. Glücklicherweise ist es nur ein kurzer Moment, der mit einem heißen Kaffee in der wohlig warmen Küche belohnt wird. Doch wie geht es jenen Menschen, die die Nachrichtenblätter jeden Morgen zu den Lesern bringen? Wie schützen sie sich vor der klirrenden Kälte. Die AZ sprach exemplarisch mit Walter Döring, einem von 700 Trägern, die für die Mittelhessische Druck- und Verlagsgesellschaft (MDV) unterwegs sind und allmorgendlich der Kälte trotzen. Seine Devise: warm einpacken.

Lange Unterwäsche ist Pflicht, ebenso dicke Kniestrümpfe, gefütterte Stiefel, Hose, Pullover und Anorak. Für den 68-jährigen Wiesecker besonders wichtig: Mütze und Handschuhe. Letztere allerdings ohne Finger, um Zeitungen und Briefkästen besser anfassen zu können. Zwischendurch wärmt Döring die Hände immer wieder in den Jackentaschen.

Seit sechs Jahren trägt der gebürtige Gießener die Allgemeine in Wieseck aus, rund 140 Tageszeitungen sind es im nördlichen Bezirk zwischen Ludwig-Richter- und Möserstraße. Einen so kalten Winter wie diesen hat der rüstige Rentner bisher noch nicht erlebt; bisher kannte er lediglich Temperaturen bis zu minus zehn Grad. Geändert hat die Eiseskälte an seinen Winter-Gewohnheiten aber nichts. »Dicker als sonst ziehe ich mich nicht an, ich muss mich ja noch bewegen können«, sagt Döring.

Eigentlich stören ihn die arktischen Verhältnisse in der Universitätsstadt nicht wirklich. Tückisch sei lediglich der gefrorene Schnee auf den Wegen. »Da muss man unheimlich aufpassen, wo man hintritt«, weiß der 68-Jährige aus Erfahrung.

Vor zwei Jahren hat es ihn bei einem Sturz so schwer erwischt, dass er ein Vierteljahr wegen einer Schulterverletzung pausieren musste. Aufgrund der Glätte braucht er im Winter rund 20 Minuten länger für seine Tour. Doch das ist kein Problem, denn die Zeitungen müssen »erst« um sechs Uhr in den Briefkästen liegen. Walter Döring ist meistens aber schon um vier mit seiner Arbeit fertig. Los geht es um zwei Uhr morgens. Nachdem er etwa drei Stunden Nachtruhe genossen hat, steht er auf und holt sich die Blätter in der Marburger Straße ab. Sind alle verteilt, fährt er nach Hause und legt sich - nachdem er sich kurz aufgewärmt hat - spätestens um halb fünf ins Bett und schlummert bis gegen neun.

Angefangen hat Döring als 62-Jähriger mit dem Austragen der Zeitungen, weil er sich mehr bewegen sollte. Und einfach nur im Wald herumlaufen wollte der Senior damals nicht. Mitten in der Nacht aufzustehen, hat ihm dabei nie etwas ausgemacht. Im Gegenteil: Der passionierte Hobbygärtner genießt es, morgens bei schönem Wetter die Vögel zwitschern zu hören. Was ihn wirklich stört, sind Regentage: »Das ist viel schlimmer als die Kälte. Man kann sich noch so dick anziehen und wird trotzdem nass bis auf die Haut.«

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