08. Februar 2013, 17:23 Uhr

Zwei Söhne Goddelaus: Georg Büchner und Christian Suhr

Christian Suhr las in der Stadtbibliothek aus Georg Büchners Briefen und vermittelte einen Eindruck von der Persönlichkeit des Dichters.
08. Februar 2013, 17:23 Uhr
Wie Georg Büchner wuchs Christian Suhr in Goddelau auf. In der Stadtbibliothek liest er aus den Briefen des Dichters und vermittelt so Einblick in dessen Persönlichkeit. (sis)

Mit sechzehn Jahren liest Christian Suhr Büchners »Woyzeck« und möchte daraufhin Schauspieler werden. Bemerkenswerterweise stammt Suhr selbst aus der Geburtsstadt des früh verstorbenen Dramatikers, aus dem 14 Kilometer von Darmstadt entfernten Goddelau. Kurz vor seinem Abitur befragt Suhr 1981/82 die Bürger Goddelaus, was sie mit dem Namen Georg Büchner verbinden. »Das war ein Revoluzzer! Ein Kommunist! Mit dem wollen wir nix zu tun haben!«, sind die harschen Reaktionen. Unter der Intendanz des Dramatikers und Regisseurs Heiner Müller am Berliner Ensemble hingegen fühlt Suhr – seit 1992 ausgebildeter Schauspieler – erstmals Heimatstolz. Müller nämlich möchte den »Jungen aus Büchners Geburtsstadt« sehen.

Die tiefe Verehrung für den »Woyzeck«- Autor ist geblieben und hat sich 2008 in der Initiative »BüchnerBühne Riedstadt« manifestiert. Seit Mai 2011 gibt es im Ortsteil Leeheim eine eigene Spielstätte, die neben Stücken wie »Leonce und Lena« auch Podiumsdiskussionen zum Familienleben des Dramatikers anbietet. Die Thematik um Georg Büchner in seinem Konflikt mit der Familie will die BüchnerBühne im nächsten Jahr in Kooperation mit der Villa Büchner Pfungstadt aufgreifen. Peter Brunner, der Büchners Familienhaus restaurierte, ist mit Suhr gut bekannt und hilft ihm auch gelegentlich bei der Vorbereitung von Lesungen.

In der Stadtbibliothek heißt nun das Motto der Lesung »Büchners Briefe«. Das Briefwerk Georg Büchners ist jedoch nur mehr bruchstückhaft erhalten. Die meisten Schriftstücke, die an Georgs Geliebte Wilhelmine Jaeglé gingen, hat diese vernichtet. In den 1850er Jahren fällt ein weiterer Teil von Briefen einem Archivbrand zum Opfer. Der Abend mit Schauspieler und Büchner-Liebhaber Suhr stützt sich deshalb vor allem auf den ersten Herausgeber des Briefwerks, Georgs Bruder Ludwig (1850). Dessen Bestreben sei jedoch nicht eine lückenlose Sammlung gewesen, sondern eine interpretierende Auswahl mit einem besonderen Augenmerk auf Büchners politische Aktivitäten. Dennoch werde deutlich, wie eng Georgs politisches Engagement mit seinem literarischen Schaffen verwoben war. Dies zeige sich sowohl im Inhaltlichen als auch im Formalen – so finden sich Formulierungen in den Briefen, die auch Eingang in die Stücke gefunden haben, betont Suhr.

Nach Passagen über Büchners Innenleben (»Hochmut gegen Hochmut! Spott gegen Spott!«) aus den »Briefen an die Familie«, die im Februar 1834 in Gießen verfasst wurden, und einigen sehnsüchtigen Zeilen an Wilhelmine in Straßburg, lässt es sich Suhr nicht nehmen, auch unliebsame Zitate über unsere Stadt vorzutragen wie das bekannte von der »hohen Mittelmäßigkeit in allem«. Heimatgefühle habe Büchner nur mit Straßburg in Verbindung gebracht, so der »zweite große Sohn aus Goddelau«. Das »Schattengefecht« mit dem Vater, sowie Georgs politische Radikalität (die Burschenschaften in Gießen waren ihm »nicht radikal genug«) führten zu einer starken Entfremdung von der Familie. Bei den Geschwistern jedoch sei Georg ein Idol gewesen, »ein Robin Hood«.

Gegen Ende des Vortrags wird es hoch politisch. Die Analysefähigkeit Büchners zeige Anfänge des historischen Pessimismus. Im Gegensatz zu Büchner seien die beiden Gesellschaftstheoretiker Marx und Engels zwar Anhänger des Hegelianismus gewesen, müssten Büchner dennoch sehr genau gelesen, es dabei allerdings geschafft haben, ihn nur einmal (historisch falsch) zu zitieren. Somit stellt Suhrs These eine Rarität dar. Sein Fazit lautet, die Theorien von Marx und Engels seien in den Grundzügen ohne Büchners Schriften nicht denkbar, genauso wenig wie die Arbeiterbewegung. Zur sozialen Frage heiße es beim deutschen Dramatiker schon, dass die Gesellschaft nur von unten herauf verbessert werden könne. Wir sind eben alle die gleiche Kreatur. sis

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