21. November 2010, 18:34 Uhr

Zwei Ausstellungen zu einem Thema: Von der Lust an den Farben

Das Jubiläum 200 Jahre Goethes »Farbenlehre« gab den Anlass, um Spannendes aus Archiven zutage zu fördern. Aus Dresden hatte Marcel Baumgartner den Hinweis mitgebracht, dass sich in der Uni-Bibliothek Gießen der Nachlass des Optik- und Goetheforschers Siegfried Rösch (1899 - 1984) befinde.
21. November 2010, 18:34 Uhr
»Farbe in der zeitgenössischen Kunst« ist das Thema der Ausstellung des Neuen Kunstvereins im frisch renovierten KiZ (Kultur im Zentrum).

Die Goethe-Saga umschreiben - warum nicht. Bei seiner Wanderung von Wetzlar nach Gießen anno 1772 habe er hier eine Freundin namens Iris gefunden - so fabulierte der ansonsten für Ernsthaftigkeit bekannte Kunsthistoriker Prof. Marcel Baumgartner (Uni Gießen) bei der Ausstellungseröffnung zur »Erfindung der Farbe« (die AZ berichtete) am Donnerstagabend in Wetzlar. Am Freitag folgten dann die beiden anderen Ausstellungen dieser ungewöhnliche Kooperation zwischen dem Stadt- und Industriemuseum Wetzlar (Dr. Anja Eichler), dem Neuen Kunstverein Gießen (Markus Lepper) und der Universität Gießen, genauer der Bibliothek (Dr. Peter Reuter) und dem Institut für Kunstgeschichte (Baumgartner).

Das Jubiläum 200 Jahre Goethes »Farbenlehre« gab auch den Anlass, um Spannendes aus Archiven zutage zu fördern. Aus Dresden hatte Marcel Baumgartner den Hinweis mitgebracht, dass sich in der Uni-Bibliothek Gießen der Nachlass des Optik- und Goetheforschers Siegfried Rösch (1899 - 1984) befinde. »60 wohl geordnete Kartons, der größte Einzelnachlass der UB«, wie Direktor Reuter ausführte. Rösch hatte offensichtlich auch eine »Neigung zur Ordnungswissenschaft, die ihn verleitete, seine Sammlungsthemen immer mehr auszuweiten«. Von dem, was die UB besitzt, zeigt die Ausstellung nur einen Ausschnitt, und es gibt noch eine beeindruckende Dia-Sammlung im Hessischen Wirtschaftsarchiv Darmstadt. Von dort haben die Kuratoren interessante Gießen-Fotos aus der Zeit vor der Kriegszerstörung und vom Wiederaufbau mitgebracht.

Rösch war 1933 aus Leipzig zum Optikwerk Leitz in Wetzlar gekommen, zwei Jahre später wurde er trotz Widerständen Professor für Mineralogie an der Universität in Gießen. Bereits seine Habilitation (Leipzig 1929) war der Theorie von den Optimalfarben gewidmet. Sein Lebensthema wurde die Farbe in all ihren Facetten, es entstanden Messgeräte mit klangvollen Namen wie »Optimalkolorimeter« und »Spektralintegrator«, von denen sich allerdings keine Originale erhalten haben. Rösch war Mitbegründer des Farbnormenausschusses und Mitherausgeber der Zeitschrift »Farbe«. In der Ausstellung sind unterschiedlichste Dokumente zu sehen. Die Präsentation hat der international tätige, in Gießen lebende Künstler Thomas Vinson geschaffen; dazu gehören die Farbkreise an der inneren Fensterwand zum benachbarten Cafe, das Arrangement der Vitrinen, farbige Neonröhren und ein Turm aus Archivboxen.

»Farbe in der zeitgenössischen Kunst« - das war das erste größere Ausstellungsprojekt, das der Gießener Kunstverein gestemmt hat, was dessen Leiter Markus Lepper so manche Unruhe bereitet hat. Zudem wurde damit das frisch renovierte KiZ (Kultur im Zentrum) erstmals als Ausstellungsraum genutzt, worauf eine erfreute Oberbürgermeisterin und Kulturdezernentin Dietlind Grabe-Bolz bei ihrer Begrüßung hinwies.

Insgesamt ein gelungener Eindruck, ein wunderbarer Kunstraum auf zwei Ebenen ist entstanden. Bleibt noch auf der Verbesserungswunschliste: ein für die Augen angenehmeres Licht als die jetzigen Neonröhren bieten (tagsüber ist der Raum wunderbar beleuchtet durch Oberlichter) und eine Renovierung des Eingangsbereichs vom Parkplatz her. Es empfiehlt sich während der Öffnungszeiten (Di.-So. 10-18, Do. bis 20 Uhr) den Zugang über die Löberstraße durch den Innenhof der Kongresshalle zu nehmen; damit wird auch der dortige Japanische Garten gewürdigt.

Farbe in der zeitgenössischen Kunst ist ein weites Feld und kann natürlich nur in beispielhafter und subjektiver Auswahl gezeigt werden, so Lepper in seiner Einführung. Um Themen wie »die Auseinandersetzung der Maler mit ihrem Material Farbe« bis zur zeitweilig allein selig machenden Kunstpräsentation in einem »White Cube« kommen interessierte Besucher dabei nicht herum. Die aktuelle Schau will ein Gegenentwurf zu den beiden anderen Ausstellungen sein und eine Vorstellung von der Lust an der Farbe und an den Farben in der zeitgenössischen Kunst vermitteln - in den Medien Malerei, Skulptur, Fotografie und Video.

Es sind klangvolle Namen dabei: Josef Albers, längst verstorbener Pionier der konkreten Kunst, ist mit einer Auswahl von Drucken zum »Farbzusammensein« vertreten. Imi Knoebels Rauminstallation, die sich auf das Vorbild Barnett Newman bezieht, war zuletzt in der Knoebel-Retrospektive in der Berliner Nationalgalerie zu sehen. Ein klassisches Vorbild der Farbmalerei (Piet Mondrian) nimmt Jonathan Monk mit seiner Dia-Projektion aufs Korn. Unter den drei Kurzvideos ist niemand Geringerer als Bruce Nauman. Bereits mit Einzelausstellungen in Gießen vertreten waren Leopold Schropp, Adrian Schiess und Birgit Werres. Die drei gehen mit Farbe sehr unterschiedlich um: Schropp mit gestisch schnellem Farbauftrag und in Form von Lichtkästen, Schiess mit kleinformatigen Aquarellen, Werres mit vorgefundenen Dingen von bestimmter Farbe, etwa Plastiksäcke. Im Kunstkiosk des Kunstvereins zu Gast war bereits Jorinde Voigt, die ihre aktuelle Arbeit zu botanischen Gärten vorstellt; ihr Ergebnis zu den Farbrelationen der Pflanzen hat sie auf Metallstangen aufgebracht.

»Die Erfindung der Farbe von 1600 bis heute« im Stadt- und Industriemuseum Wetzlar ist bis 6. März 2011 zu sehen; die »Farbforschung exemplarisch: Siegfried Rösch« im Ausstellungsraum der Uni-Bibliothek Gießen bis 6. Februar; »Farbe in der zeitgenössischen Kunst« im KiZ ebenfalls bis 6. Februar. Ein reiches Rahmenprogramm wird geboten, der Katalog im Januar vorgestellt. Dagmar Klein

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