08. Dezember 2016, 12:00 Uhr

Zu wenig Integrationsplätze

Gießen (ta). Nicht weniger als 3300 Flüchtlinge haben im vergangenen Jahr einen der vielen Deutsch-, Alphabetisierungs- und Kommunikationskurse der Gießener Volkshochschule durchlaufen; in diesem Jahr zeichnet sich eine ähnliche Auslastung ab. Das klingt nach viel, entspricht aber noch nicht dem praktischen Bedarf. Denn es gebe in Gießen viele junge Männer, die bis zu zwei Jahre lang auf ihre Anhörung durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) warten müssten. »Das sind die Menschen, die dann den ganzen Tag nichts zu tun haben und an denen sich viele Leute stören«, beschreibt die stellvertretende VHS-Leiterin Birgit Lesch-König das Dilemma. »Wir würden sie gern von der Straße wegkriegen, können das aber erst, wenn sie als Asylanten anerkannt sind.«
08. Dezember 2016, 12:00 Uhr

Dass die VHS nicht noch mehr Integrationskurse anbieten kann, liegt laut Lesch-König aber auch daran, dass es immer schwieriger wird, nebenberufliche Lehrkräfte zu finden, weil die Anforderungen des BAMF an sie ständig stiegen. Diese müssten inzwischen über die Zusatzqualifikation »Deutsch als Zweitsprache« verfügen und darauf vorbereitet werden, traumatische Erkrankungen der Schüler zu erkennen.
Sehr aktiv bei der Eingliederung von Asylanten ist auch die Kreisvolkshochschule. Seit dem August 2015 bis jetzt haben 650 Absolventen die 58 Deutschkurse durchlaufen; insgesamt 420 Teilnehmer hatten bisher die 40 Integrationskurse in verschiedenen Kommunen des Landkreises. Ein Problem ist dabei, dass die Vorkenntnisse oft sehr unterschiedlich sind. Zwecks besserer Binnendifferenzierung wird deshalb neuerdings die Online-Lernplattform www.ich-will-lernen . de eingesetzt. Sie erlaubt es KVHS-Leiter Torsten Denker zufolge, Internet-affinen Flüchtlingen, ihr eigenes Lerntempo zu entwickeln.

Hessencampus koordiniert

Nicht ganz glücklich mit der Schere zwischen Angebot und Nachfrage sind auch die Gießener Berufsschulen (Willy-Brandt-Schule, Theodor-Litt-Schule, Wirtschaftsschule am Oswaldsgarten), die derzeit Geflüchtete und Seiteneinsteiger im Alter von 16 bis 19 Jahren in 18 Intea-Klassen (Integration und Schulabschluss) betreuen. Diese Förderung ist hessenweit kontingentiert, neue Teilnehmer können die Schulen deshalb nur aufnehmen, wenn sie Abgänger ersetzen. Noch Platz hat hingegen der Sprachförderkurs für 20-Jährige an der Gießener Abendschule für Erwachsene. Für Flüchtlinge ab 21 Jahre gibt es derzeit keine schulischen Angebote.
Diese Zwischenbilanz wurde soeben vorgestellt von Hessencampus Mittelhessen. Darin sind seit acht Jahren heimische Bildungsträger zusammengeschlossen. Neben den genannten sind dies das Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft, das Bildungswerk Hessen Metall sowie das THM-Zentrum für Weiterbildung und die JLU-Berufspädagogik. Ihnen allen gemeinsam ist das Ziel, das lebensbegleitende Lernen zu fördern und dabei konkurrierende Angebote zu vermeiden.
Im Hinblick auf Flüchtlinge und bei der Umsetzung der integrationspolitischen Vorgaben des Landes geschieht dies vor allem durch die erwähnten Klassen und Kurse. Dazu kommen vereinzelt Projekte der Bildungswerke, die jungen Erwachsene auf das duale Berufsausbildungssystem vorbereiten, das sie aus ihrer Heimat nicht kennen. Zugleich werden Berufsschullehrer, Sozialarbeiter und Ausbilder mit den veränderten Anforderungen vertraut gemacht. In einer aktuellen Fortbildung des Bildungswerks der Arbeiterwohlfahrt für pädagogische Fachkräfte geht es um Flüchtlingskinder und ihre Familien in Kindertagesstätten.

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