10. Oktober 2014, 20:08 Uhr

Zeitzeugen und Schüler erinnern an Notaufnahmelager

Gießen-Kleinlinden (sda). Ihre Geschichten sind ganz unterschiedlich, trotzdem stehen sie gemeinsam auf der Bühne des Bürgerhauses. Sie kommen aus dem Erzgebirge, Erfurt oder Senftenberg. Und irgendwie auch aus Gießen.
10. Oktober 2014, 20:08 Uhr
Das Notaufnahmelager Gießen: 900 000 Menschen machten hier Station, bevor sie ein neues Leben in Westdeutschland begannen. (Foto: Archiv)

Im damaligen Notaufnahmelager für DDR-Flüchtlinge starteten die sechs ihr neues Leben. Nun sind sie zurückgekommen, um ihre Geschichten zu erzählen.

Zusammengeführt wurden sie durch das Projekt »Checkpoint Q – Notaufnahmelager Gießen«, initiiert von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung und der Zeitzeugin Jutta Fleck. Das Projekt richtet sich vor allem an Schüler, indem es durch Erfahrungsberichte Geschichte vermittelt. Die Mitwirkenden stellten es am Donnerstagabend vor und zeigten die daraus entstandene Dokumentation »Hessische Zeitzeugen im Gespräch«. Gekommen waren neben den Zeitzeugen zahlreiche Schüler der Liebigschule Gießen und von anderen teilnehmenden hessischen Schulen.

Monika Weiser ist eine der 900 000, die damals das Notaufnahmelager passierten. Heute lebt die 64-Jährige in Darmstadt. Damals, 1984, erzählt sie, erhielt sie im Notaufnahmelager einen Pass der BRD. »Und mein erstes Westgeld«, das sie sofort ausgab. »Blumen. Ich habe Blumen gekauft. Der Geruch, die Farben, das gab es bei uns nicht.« Den Kassenzettel bewahre sie noch immer auf. Wenn Monika Weiser davon erzählt, lächelt sie. Aber, sagt sie dann, »ich bin nur eine von vielen. Ich kann über meine Erlebnisse reden, aber viele Frauen, die mit mir in Hoheneck inhaftiert waren, sind zerbrochen.« Deswegen sei es ihr ein Anliegen, ihre Geschichte zu verbreiten. »Damit so etwas nicht mehr geschieht.« Den Schülern erzählt sie, dass sie im Gefängnis saß, weil sie als damalige Turnerin und Physiotherapeutin der DDR-Nationalmannschaft versuchte, aus dem Staat zu fliehen, sie erzählt, dass sie ihre neugeborene Tochter abgeben musste und dass sie nackt vor den Wärterinnen Kniebeugen machen musste. »Mir läuft ein Schauer über den Körper, wenn ich daran denke.«

Ihre Geschichte ist gleichzeitig Appell: »Wir wurden damals unterstützt, herzlich aufgenommen. Das soll den Flüchtlingen, die heute nach Gießen kommen, auch widerfahren.«

Ihre Teilnahme an dem Projekt und die der anderen Zeitzeugen wissen die Schüler zu schätzen. Einige tragen Gedichte über Freiheit vor, eine junge Frau steht auf der Bühne und singt »Wind of Change«, und zwei Schülerinnen moderieren Teile des Abends. »Die Gespräche mit den Menschen aus der DDR sind eindrücklicher, als es ein Lehrer oder ein Schulbuch je vermitteln könnten. Vielen Dank«, sagt die 17-jährige Dailen Hernandez Rodriguez. »Durch Sie haben wir gelernt, dass Freiheit nicht selbstverständlich ist.«

Stimmen gegen das Vergessen

Vier Generationen sind am Donnerstag im Bürgerhaus zusammengekommen, um über das ehemalige Gießener Notaufnahmelager für Flüchtlinge aus der DDR und der Sowjetunion sowie an den Mauerfall vor 25 Jahren zu erinnern. Von einem »Tor zu Freiheit« berichtete der damalige Leiter, Heinz Dörr. Der Direktor der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, Dr. Bernd Heidenreich, sprach als Veranstalter von einem »Nadelöhr zwischen Diktatur und Freiheit«. Rund 900 000 Menschen seien dort zwischen 1949 und 89 angekommen. Auch Dr. Manuel Lösel, der im Hessischen Kultusministerium arbeitet, kam nach Kleinlinden: Mit dem Projekt »Checkpoint Q« wolle das Land einen »Beitrag zur Aufarbeitung der SED-Diktatur leisten«. Im Mittelpunkt steht dabei die Arbeit mit Schülern sowie eine Dokumentation, in der Zeitzeugen von ihrer Ankunft berichten. »Kein Lehrbuch kann das leisten«, sagte Lösel und schloss mit einem Zitat des Schriftstellers George Santayana: »Wer sich an seine Vergangenheit nicht erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.«

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