19. Januar 2018, 20:42 Uhr

Zeitreise über den Seltersberg

Die Heizung blieb aus im Liebig-Museum. Und das war eine gute Entscheidung. Denn im historischen Hörsaal drängten sich so viele Zuschauer, dass auf Heizen getrost verzichtet werden konnte. Angelockt hatte das zahlreiche Publikum die Einladung der Liebig-Gesellschaft zur Zeitreise über den Seltersberg zu Liebigs Zeiten.
19. Januar 2018, 20:42 Uhr
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Von Rebecca Hahn
So sah es auf dem Seltersberg zu Zeiten Justus Liebigs aus. (Zeichnung: bf)

Der ehemalige Zahnarzt Werner Schmidt beleuchtete in einem anekdotenreichen Bildervortrag der Liebig-Gesellschaft, wie die bauliche Entwicklung Gießens vor knapp 200 Jahren voranschritt und warum Justus Liebigs Laboratorium heute ausgerechnet am Seltersberg zu finden ist.

Schmidt selbst ist dort aufgewachsen und kehrte nach seinem Studium zurück, um bis 2013 in der Wilhelmstraße als Zahnmediziner zu praktizieren. Dass er heute so genau über die Entwicklung des Seltersbergs Bescheid weiß, liegt an seinem ausgeprägten Interesse für Lokalhistorie: Früh begann er damit, Ansichtskarten zu sammeln und sich über die Geschichten hinter den Bildern zu informieren. Aus diesem Fundus bediente sich Schmidt auch für den historischen Stadtspaziergang.

Zuvor umriss er grob die politische Lage zu Beginn des 19. Jahrhunderts. »Es war das Gießen der Restauration«, sagte Schmidt. Die Zustände vor der Französischen Revolution sollten wiederhergestellt werden. Revolutionäre Gedenken wurden unterdrückt. Die Meinungsfreiheit wurde beschnitten. Für Studenten galt das Burschenschaftsverbot, und liberal und national gesinnte Lehrende mussten mit einem Berufsverbot rechnen.

Baulich war Gießen innerhalb des damaligen Festungswalls im östlichen Stadtgebiet eingezwängt. Neben dem inzwischen baufällig gewordenen Kollegiengebäude aus dem Jahr 1611 fand man dort in der Neuen Bäue viele Professorenwohnungen samt integrierter Vorlesungsräume. Das erste chemische Institut, gewissermaßen ein Vorläufer zu Liebigs späterem Labor, stand im Botanischen Garten. Ein Neffe und Schüler Liebigs nannte es ein »Gartenhäuschen«, das zum Institut erklärt worden war.

Mit dem Abriss der Festungswälle zwischen 1805 und 1810 eröffneten sich neue Möglichkeiten zur Expansion der Stadt. Gießens Einwohnerzahlen stiegen und neuer Wohnraum musste geschaffen werden. Doch wo sollte gebaut werden? »Bisher hatte sich Gießen auf ein flaches, sumpfiges Terrain konzentriert«, sagte Schmidt. Rund um Schloss, Zeughaus und Botanischen Garten waren längst alle Flächen durch den Großherzog, das Militär und die Universität belegt. In der Stephansmark und den Gänsewiesen war der Baugrund zu feucht. Es blieb der Seltersberg.

Über diesen spazierte Schmidt anschließend mit dem Publikum – stilecht in einem historischen Frack gewandet (siehe Foto). Sein Vortrag führte von Haus zu Haus und berichtete von den teilweise illustren Gießener Persönlichkeiten, die auf dem Seltersberg wohnten. Nebenbei erfuhren die Zuschauer wissenswerte Details, etwa zur Begradigung und Tieferlegung der Wieseck oder zur Einforderung des sogenannten Fleisch- und Weinpfennigs für Warenimporte in die Stadt.

Die Universität verlegte ihre Gebäude später überwiegend in die Stephansmark, nur die Medizin blieb am Seltersberg. Auch die Chemiker forschen dort längst nicht mehr. Dass Liebigs Laboratorium heute trotzdem noch erhalten ist, geht maßgeblich auf den Einsatz eines gewissen Prof. Robert Sommers zurück. Er habe zunächst vorgeschlagen, an der gleichen Stelle einen neuen Bahnhof zu errichten, sagte Schmidt. Doch auf massiven Protest der Chemischen Gesellschaft hin habe er eine Kehrtwende gemacht und sich fortan für die Bewahrung des Labors eingesetzt, sodass dieses bis heute am Seltersberg erhalten ist. (Foto: rha)



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