03. März 2009, 20:20 Uhr

Zeitarbeitsmesse: Zwischen Hoffnung und Skepsis

Gießen (kw). »Egal was - aber man muss arbeiten«, findet eine 46-Jährige aus der Ukraine. »Sieben Euro pro Stunde? Ausbeutung! Da bekomme ich ja mehr an Arbeitslosen- und Kindergeld, wenn ich zu Hause bleibe«, sagt ein gelernter Schreiner nach seinem Rundgang.
03. März 2009, 20:20 Uhr
Zeitarbeit kann eine »Brücke« zur festen Stelle sein - ungelernte Kräfte sind aber immer weniger gefragt. (Foto: Schepp)

Gießen (kw). »Egal was - aber man muss arbeiten«, findet eine 46-Jährige aus der Ukraine. »Sieben Euro pro Stunde? Ausbeutung! Da bekomme ich ja mehr an Arbeitslosen- und Kindergeld, wenn ich zu Hause bleibe«, sagt ein gelernter Schreiner nach seinem Rundgang. »Eigentlich finde ich das Angebot gut. Aber ob hier das Richtige für mich dabei ist?«, fragt sich eine 35-Jährige, die eine Schneiderlehre und Modeschule absolviert hat. Hunderte kamen gestern zur neunten Zeitarbeitsmesse in der Kongresshalle - manche skeptisch, andere voller Hoffnung. Sie alle erfuhren: Chancen auf diese Art der Beschäftigung haben in Zeiten der Wirtschaftskrise vor allem gut Qualifizierte.

Ungelernte Kräfte standen kaum auf den Listen an den Ständen der 15 heimischen Zeitarbeitsfirmen-Filialen. Gesucht wurden zum Beispiel Lagerlogistiker, »Sondermaschinenbauer« oder Speditionskaufleute. »Der Facharbeitermangel besteht weiter - auch in Zeiten der Wirtschaftskrise«, betont eine Unternehmensvertreterin. Insgesamt sei der Bedarf an Zeitarbeitern aber in den letzten Wochen deutlich gesunken.

Man wird bei verschiedenen Unternehmen eingesetzt werden, lernt dort in der Praxis die Arbeitsbedingungen kennen, kann sich bewähren und eine feste Stelle ergattern: Mit diesem Szenario werben die Firmen für Zeitarbeit. »Die Chancen sind insgesamt größer als die Risiken«, meint Hans Bernhard Baumstieger, Leiter der Agentur für Arbeit Gießen, nachdem er im Gedränge mit einigen Anbietern gesprochen hat. Ideal sei Zeitarbeit nicht als Dauerlösung, sondern als »Brücke in den Arbeitsmarkt«. Dass Einzelne die bescheidenen Verdienstmöglichkeiten kritisieren, könne er dennoch verstehen. Gerade wer jahrelang eine gute Stelle hatte, könne sich als Zeitarbeiter »zurückgestuft« fühlen.

4000 Jobsuchende hat die Agentur zu der Veranstaltung eingeladen, außerdem bekamen 2000 Hartz-IV-Bezieher ein Schreiben von der Gesellschaft für Integration und Arbeit Gießen. Niemand müsse der Einladung folgen, erklärte GIAG-Leiter Torsten Becker. Früher hätten die Behörden Zeitarbeitsfirmen eher als Konkurrenz begriffen, heute suche man den »Schulterschluss«.

Vielleicht verhilft sein derzeitiger CNC-Programmierkurs ihm zum Einstieg bei eine Zeitarbeitsfirma, hofft ein 34-Jähriger. »Wenn Motivation und Einstellung stimmen, hat man vielleicht eine Chance, übernommen zu werden.« Ein 32-Jähriger hat andere Erfahrungen gemacht: »Leiharbeiter werden immer als erste entlassen, da kannst du dir im Schichtbetrieb Tag und Nacht die Beine ausreißen. Du bekommst ein paar Euro dafür, das meiste kassiert die Zeitarbeitsfirma.« Eine Stellensuchende ohne Auto sieht vor allem praktische Probleme: »Wie weit muss ich denn fahren?« Bis zu 50 Kilometer Entfernung vom Wohnort werden verlangt, erfährt sie. Eine andere schreckt das nicht. »Ich gehe einfach mal hier durch. Vielleicht gibt es ja interessante Möglichkeiten für mich.«



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos