17. September 2010, 17:52 Uhr

Zeitarbeit boomt - Personal wird schon knapp

Gießen (si). Der Arbeitsmarkt entwickelt sich so erfreulich wie lange nicht mehr. Und nirgendwo zeigt sich der Aufschwung so deutlich wie in der besonders konjunktursensiblen Zeitarbeitsbranche.
17. September 2010, 17:52 Uhr
Jedes vierte Stellenangebot erhielt die Agentur für Arbeit Gießen im August von einem Zeitarbeitsunternehmen. (Foto: Schepp)

Gießen (si). Der Arbeitsmarkt entwickelt sich so erfreulich wie lange nicht mehr. Und nirgendwo zeigt sich der Aufschwung so deutlich wie in der besonders konjunktursensiblen Zeitarbeitsbranche. Während diese Firmen beim Ausbruch der Finanzkrise vor knapp zwei Jahren als erste in größerem Umfang Entlassungen meldeten, können sie jetzt nicht mehr alle offenen Stellen besetzen. Vor allem Facharbeiter werden »händeringend« gesucht. Selbst Hilfskräfte sind mitunter nur noch schwer zu finden, berichteten heimische Zeitarbeitsfirmen bei einer Umfrage dieser Zeitung.

Besonders gesucht seien Facharbeiter im Bereich Elektronik, Industriemechaniker und Installateure. Im kaufmännischen Bereich gelte das für Buchhalter, Sekretärinnen mit Fremdsprachenkenntnissen oder Sachbearbeiter im Einkauf, hieß es bei Randstad in der Frankfurter Straße. Noch zum Jahresanfang sei die Nachfrage aus den Unternehmen relativ schwach gewesen, sagte Vertriebsdisponentin Jennifer Naß. Die Wende habe im Frühjahr eingesetzt, und dieser Trend verstärke sich. Inzwischen sei die Auftragslage wieder »fast so gut wie vor der Krise«, sagte Naß.

Auch bei »K+S« in der Liebigstraße zieht die Nachfrage seit einigen Monaten »deutlich« an. Elektrotechniker und -installateure, Dreher, Fräser und Zerspannungstechniker hätten beste Vermittlungschancen, sie seien derzeit kaum zu finden. »Auch bei den Helfern gibt es schon Engpässe«, sagte Geschäftsführer Ingo Kreuder. Stark gesucht sind hier außerdem - wie in anderen Zeitarbeitsfirmen - Buchhalter und Steuergehilfen. Die Firma »persona-data« in der Moltkestraße nennt im gewerblichen Bereich noch Maler und Lackierer sowie CNC-Fachleute als besonders gefragte Kräfte. Und »abakus Personal« meldet eine starke Nachfrage aus dem gesamten Automobilzulieferer-/Maschinenbaubereich - also den Branchen, die in der Krise sehr gut liefen - sowie im Segment allgemeine Haustechnik, das heißt Elektro, Sanitär und Heizung. Zuverlässige Hilfskräfte hätten ebenfalls gute Chancen, sagte Niederlassungsleiterin Dorothée Butzek. Andere Unternehmen bestätigten den Trend, wollten aber nicht genannt werden - um nicht den Eindruck zu erwecken, dass sie Schwierigkeiten haben könnten, qualifiziertes Personal zu finden. »Das wäre geschäftsschädigend«, meinte ein Betriebsleiter.

Dass die Zeitarbeitsfirmen wieder deutlich mehr Personal suchen und auch einstellen, bestätigen die Daten der Agentur für Arbeit. Dort hatten die Zeitarbeitsfirmen im vergangenen Januar 210 offene Stellen gemeldet, inzwischen hat sich diese Zahl auf 414 im August mehr als verdoppelt. Damit kommt ein Viertel aller registrierten Stellenangebote in Stadt und Kreis Gießen von Unternehmen der Zeitarbeitsbranche. Großen Bedarf gebe es bei den Berufen im metallverarbeitenden Gewerbe, aber auch im Bereich Alten- und Krankenpflege; das gelte insbesondere für den Landkreis Gießen, sagte Agentursprecher Johannes Paul.

»Die Branche boomt tatsächlich«, bestätigte der 1. Bevollmächtigte der IG Metall Mittelhessen, Hans-Peter Wieth, der Allgemeinen Zeitung. Allerdings vernichte Leiharbeit reguläre Arbeitsplätze und schaffe unsichere und schlecht bezahlte. Dadurch würden weniger Steuern gezahlt, und es fließe weniger Geld in die Sozialkassen. »Leiharbeit schadet allen«, meinte Wieth - der im Übrigen kein Verständnis für die Behauptung hat, dass es zu wenig Fachkräfte gebe. »Es gibt genügend. Aber mit 50 Jahren hat man auch bei den Zeitarbeitsfirmen keine Chance mehr«. Das sei »eine Schande«, sagte er.



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