19. Mai 2017, 20:30 Uhr

Wort zum Sonntag

Zeichen der Toleranz

19. Mai 2017, 20:30 Uhr

»Wir ziehen die Schuhe aus«, erzählt ein Junge, »freitags in der Moschee. Manchmal feiern wir auch dort. Bald fängt es wieder an. Dann dürfen die Erwachsenen den ganzen Tag nichts essen. Erst am Abend wieder.« Der Junge berichtet vom Ramadan in seiner Moscheegemeinde. Die Kinder staunen. »Den ganzen Tag nichts essen?« Ein Mädchen meldet sich: »Wir gehen immer zu Weihnachten in die Kirche. Meine Schwester spielt beim Krippenspiel mit. Wenn ich größer bin, singe ich im Kinderchor.« Ein anderer Junge sagt: »Wir sprechen bei uns in der Kirche Aramäisch, die Sprache Jesu.« Der Stolz ist ihm anzusehen. Seine Familie stammt aus Syrien.

Die Kinder im Kreis sind vier oder fünf Jahre alt. In der Kindertagesstätte spielen sie zusammen, essen gemeinsam, feiern Geburtstage, machen Ausflüge, lachen und weinen. Natürlich gibt es auch manchmal Streit, aber dann auch wieder Versöhnung: »Du bist doch mein Freund!« Viele von den Kindern sprechen neben Deutsch noch eine andere Sprache. Sie gehören verschiedenen Religionen an. Die Verständigung klappt hier in der Kita gut.

Und wie sieht es draußen in der Stadt aus? In Gießen und Umgebung leben Menschen aus aller Herren Länder. Gerade in den letzten Jahren sind noch einmal viele hinzugekommen. Sie bringen ihre Kultur und Religion mit. Wie klappt es dort mit der Verständigung untereinander?

Im Rat der Religionen in Gießen treffen sich regelmäßig Vertreterinnen und Vertreter aus sechs Religionsgemeinschaften. Der Geschäftsführer, der evangelische Pfarrer Bernd Apel, weist auf die guten Beziehungen untereinander hin. Es gibt viel Vertrauen, das in den letzten Jahren gewachsen ist. In diesem Rahmen könne man auch mal kritische Themen ansprechen.

Interreligiöser Stadtrundgang

Kritische Themen gibt es genug. Da ist die zunehmende Angst vor dem Islam, die mit jedem Anschlag in Europa steigt. Da kommen Menschen zu uns, die ihre Kriegserfahrungen und Verletzungen aus dem Nahen Osten oder aus Afrika mitbringen. Wie kann man sich mit den ehemaligen Feinden an einen Tisch setzen? Da gibt es die Tendenz in den Religionen, sich wieder stärker auf sich selbst zurückzuziehen und die Unterschiede zwischen den Glaubensrichtungen zu betonen. Dabei zeigt sich auch, wie zerbrechlich dieser Dialog ist.

Für morgen ist wieder ein interreligiöser Stadtrundgang in Gießen geplant. Auf dem Programm stehen Besuche in einer Moschee, in der Synagoge und einer syrisch-orthodoxen Kirche. Die Teilnehmer erleben Gastfreundschaft, informieren sich und setzen ein Zeichen gegenseitigen Respekts und gegenseitiger Toleranz.

Pfarrer Dr. Gabriel Brand, Ev. Andreasgemeinde Gießen

Schlagworte in diesem Artikel

  • Evangelische Kirche
  • Jesus Christus
  • Kirchen und Hauptorganisationen einzelner Religionen
  • Moscheen
  • Ramadan
  • Religionen
  • Toleranz
  • Redaktion
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen