07. April 2017, 19:51 Uhr

Zehn Jahre »eine(r)liest«

Sonntags zur Mittagszeit gibt es von Mai bis Oktober in den Marktlauben literarische Kost. Schon seit zehn Jahren findet dort die Reihe »eine(r)liest« ihr Publikum. Kaum jemand weiß, dass Uwe Lischper mit dieser Veranstaltung auch noch den Anstoß für eine andere Literaturinstitution in der Stadt gegeben hat.
07. April 2017, 19:51 Uhr
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Von Karola Schepp

Wo sonst Handkäse, Eier oder Brot verkauft werden, serviert von Mai bis Oktober jeden ersten Sonntag im Monat Uwe Lischper geistige Kost unterschiedlichster Genres: in den Marktlauben, Open Air, samt Büchermarkt und in relaxter Sonntagmorgen-Atmosphäre. Und das schon seit zehn Jahren, denn mit seiner Veranstaltungsreihe »eine(r)liest« feiert der umtriebige Veranstalter in diesem Jahr Jubiläum. Gemeinsam mit Annette Eidmann (Foto Mitte) vom Kulturamt und Anna-Lena Heid (l.) vom Literarischen Zentrum stellte Lischper (r.) gestern das aktuelle Programm der Presse vor und blickte zurück auf zehn Jahre »eine(r)liest«.

Wer hat nicht alles schon in den Marktlauben gelesen: Jakob Arjouni lauschten damals zum Auftakt rund 200 Besucher, Georg Meier hat sein Publikum begeistert, Sandra Lüpkes mit ihren Krimis für Spannung gesorgt oder Christian Lugerth das Vorlesen von Kochrezepten zum Aha-Erlebnis werden lassen. »Das Konzept hat von Anfang an funktioniert«, freut sich Lischper. Schließlich sollte Literatur in den öffentlichen Raum gebracht und bei freiem Eintritt Open Air vorgestellt werden. Und dabei bieten sich die Marktlauben eben an, dank der Überdachung, passabler Akustik und der Bekanntheit des Ortes mit seinen bis zu 80 Sitzplätzen. Und wenn die Temperaturen mal gar nicht zusagen, wird die Lesung kurzfristig in das benachbarte Alte Schloss verlegt. Das Gartenamt sorgt mit Gestecken für ein nettes Ambiente, Parkverbotsschilder werden aufgestellt (die aber leider nicht von allen Autofahrern befolgt werden) und Häppchen und Getränke werden gegen Spende gereicht. Die knapp einstündigen Lesungen beginnen jeweils zur Matineezeit (alle Informationen findet man auf www.eine(r)liest.de.

Ein wenig stolz ist Lischper darauf, dass der Erfolg der Reihe auch mit dazu beigetragen hat, dass in Gießen das Literarische Zentrum gegründet wurde. Von Beginn an hat das Kulturamt die Reihe gefördert und auch zahlreiche kultur- und literarturaffine Sponsoren helfen mit: Köhler, die Rickersche, Fuhr, Tingal, das Hotel am Ludwigsplatz, die Käseglocke, die Kanzlei Heldhuser und Steuerberater Oliver Träger helfen bei der Finanzierung, Flashlight kümmert sich um den richtigen Ton.

»Eine(r)liest« 2017 beginnt am 7. Mai (11.30 Uhr) mit einer Lesung von Christian Lugerth und Harald Pfeiffer, die Haustierstorys liefern. Es geht um den Goldfisch im Glas, der keine Widerworte gibt, das Huhn, das zum Gaumenschmeichler wird, oder all die anderen Viecher, die im Körbchen oder auf dem Teller Wohlgefallen finden. Frei nach dem Motto »Haarig, borstig, bissig...«

Weiter geht’s am 4. Juni (11.30 Uhr) mit der traditionellen Lesung von vier jungen OVAG-Preisträgern in Kooperation mit dem LZG. Patrizia Krug, Annika List, Adam Nells und Lina Thiede werden aus ihren preisgekrönten Geschichten lesen. Nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene geeignet ist die Lesung am 2. Juli (12 Uhr) mit Heidi Haas. Die Autorin aus Rodheim wird ihr Kinderbuch »Toni auf Entdeckungsreise« vorstellen, das für Kinder ab vier Jahre geeignet ist. Protagonisten sind Tiere, doch ihre Probleme sind allzu menschlich. Die Grundstimmung in allen Geschichten ist friedlich und auf ein gutes Miteinander angelegt.

»Absurd, grotesk und minimalistisch« wird es am 6. August (11.30 Uhr), wenn Marie T. Martin und Sudabeh Mohafez ihre »kleine Prosa« vortragen. Sprachwitz, konzentrierter Tiefgang, absurde Storys und das auf nur wenigen Seiten kennzeichnen diese Literatur. Sudabeh Mohafez, die in Teheran geborene Bloggerin, treibt es mit ihrem »Zehn Zeilen Buch« sogar noch auf die Spitze.

»Perlen vor die Säue« lautet der Überbegriff, wenn am 3. September (11.30 Uhr) Sprachforscher und Autor Rolf-Bernhard Essig zum unterhaltsamen Ausflug in die Welt der Redensarten und Sprichwörter einlädt. Wem es gelingt, an diesem Sonntag den Autor mit einer gängigen Redensart sprachlos zu machen, der erhält ein Buchpräsent.

Mit der charmanten Komödie »Mensch, Rüdiger« von und mit Autor und Hörspielregisseur Sven Stricker über zwei »Loser«-Typen endet »eine(r)liest« am 1. Oktober um 11.30 Uhr witterungsbedingt im Alten Schloss. Doch dann hat auch schon wieder Lischpers zweite Lesereihe, das »Gießener Krimifestival« (Start 29. September), begonnen. In Gießen liest eben nicht nur immer »einer«, sondern ganz schön viele. (Foto: gl)



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