26. März 2015, 17:43 Uhr

Zaza Burchuladze ist ein »Writer in Residence«

Der georgische Exil-Schriftsteller Zaza Burchuladze las in der Ricker’schen Buchhandlung aus »Adibas«. Die Veranstaltung war Teil der »Writers-in-Residence«-Woche des Literarischen Zentrums.
26. März 2015, 17:43 Uhr
»Ich bin ein zynischer Autor«, beschreibt sich Zaza Burchuladze. (Foto: dw)

Ein Plasmascreen zwischen Bierdunst, Frauen wie Madonna oder Monica Belucci, X-Men, Depeche Mode und Eurovision Song Contest: »We are one world«. Das Café, das Zaza Burchuladze in schrillen Bildern zeichnet, gibt es nicht – und ist dennoch nicht erfunden. Ob es ein Spiegel oder ein mit Popart-Elementen zugespitztes Bild der georgischen Gesellschaft ist, das der Exil-Schriftsteller in seinem Buch »Adibas« entwirft, war nur eine der Fragen, die er im Rahmen der Writers-in-Residence-Woche während seiner Lesung in der Ricker’schen Universitätsbuchhandlung beantwortete.

Fakt ist, dass er aus seiner Heimat fliehen musste, da seine Bücher, darunter sieben Romane und mehrere Essay-Bände, eine Gesellschaft zeichnen, die wenig mit dem gemein haben, wie sich die Mehrheit der georgischen Bevölkerung selbst sieht. Mit seinem experimentellen Stil und den provozierenden Themen zählt er dennoch – oder gerade deswegen – zu den bedeutendsten Schriftstellern Georgiens. Seine Bücher sind in zahlreiche Sprachen übersetzt und der 2011 erschienene »Inflatable Angel« erhielt die Auszeichnung als bester georgischer Roman.

Doch in der orthodox geprägten georgischen Öffentlichkeit sind Themen wie politischer Konformismus, Gewalt, sexuelle Orientierung, weltanschauliche und religiöse Fragen ein Tabu. Ob Rollenbilder oder Sexualität, die georgische Bevölkerung, 85 Prozent sind gläubige Kirchgänger, sieht Burchuladze zutiefst eingeschnürt in die orthodoxen Glaubensvorstellungen. Dass etwa Frauen in seinem Werk reine Sexobjekte sind, spiegele die gängigen Vorstellungen der Männergesellschaft, in der »Frauen, Tiere und Natur« keine Rechte und Chancen hätten. Sie seien Bestandteil einer Welt, die geprägt ist von übermächtigen Vaterfiguren wie dem Patriarchen oder Stalin.

Viele können zwischen dem 1973 in Tiflis geborenen Autor, der vor dem Schreiben an der staatlichen Kunstakademie Malerei studierte, und seinem Werk nicht differenzieren. Verbale Verunglimpfungen mittlerweile gewohnt, bezahlte Burchuladze dies 2012 mit einem tätlichen Übergriff auf offener Straße. Seit Januar 2014 ist er Writers-in-Exile-Stipendiat des PEN und lebt in Berlin.

In Gießen drängen sich am Mittwochabend zwischen Stuhlreihen und Bücherregalen auf dem Boden und Treppenstufen neben dem Germanistikseminar »Zensiert, verfolgt, ermordet« der JLU die Gäste, die auf Einladung des PEN-Zentrums Deutschland, des Vereins Gefangenes Wort, und des Literarischen Zentrums Gießen die Möglichkeit nutzen, sich nicht nur mit der hierzulande als

Flucht aus der Heimat

selbstverständlich wahrgenommenen Pressefreiheit auseinanderzusetzen, sondern eben auch damit, was es bedeutet ein »Writer in Residence« zu sein. Zwischen großformatigen Bildbänden über James Bond und Marilyn Monroe sitzend, liest Burchuladze aus der englischen Übersetzung seines Buches, aber um die Fragen zu beantworten, muss er manchmal um die passenden Begriffe ringen. In verschiedenen Episoden erzählt er in »Adibas« die Geschichte eines jungen Georgiers aus Tbilisi während des russisch-georgischen Krieges 2008. Die Erschütterung, die die fallenden Bomben in den Straßen auslösen, sind für viele nicht mehr als die Vibration ihres Löffels im Cappuccino. Es ist diese Sorglosigkeit oder Ignoranz, die Burchuladze anprangert, ebenso wie die Konsumhaltung, ganz egal, ob es sich um Waren, Sex oder Gewalt handelt. Dennoch sei seine Geschichte weniger dramatisch, denn zynisch. Eine traurige Geschichte, auch weil er ein Teil davon ist. »Ich bin ein zynischer Autor.« Die Täter, die ihn niederschlugen, sind bis heute nicht gefasst.

»Adibas« von Zaza Burchuladze ist im Verlag Dalkey Archive in englischer Sprache erschienen und ab September in deutscher Übersetzung erhältlich. Doris Wirkner

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