07. September 2010, 23:16 Uhr

Zahnklinik: PCB-Gutachten soll in nächsten Tagen vorliegen

Gießen (srs). Die Belastung der Zahnklinik mit dem Umweltgift PCB beunruhigt die 160 Mitarbeiter weiter. Insbesondere Bedienstete, die seit Jahrzehnten in dem Haus tätig sind, sorgen sich um ihre Gesundheit, lassen vereinzelt in Labors ihr Blut untersuchen.
07. September 2010, 23:16 Uhr

Gießen (srs). Die Belastung der Zahnklinik mit dem Umweltgift PCB beunruhigt die 160 Mitarbeiter weiter. Insbesondere Bedienstete, die seit Jahrzehnten in dem Haus tätig sind, sorgen sich um ihre Gesundheit, lassen vereinzelt in Labors ihr Blut untersuchen. Sie wollen vor allem wissen, welche Räume in dem 1969/70 errichteten Gebäude in welchem Ausmaß von der Chemikalie betroffen sind. Aufschluss darüber soll ein detailliertes Sanierungsgutachten geben, dessen Ergebnis die Universitätsleitung seit Wochen erwartet. Spätestens am kommenden Mittwoch nun soll das Gutachten vorliegen. Diese »letzte Frist« habe man der beauftragten Firma gesetzt, erklärte am Dienstag der Präsident der Justus-Liebig-Universität, Prof. Joybrato Mukherjee, bei einem Treffen mit den versammelten Bediensteten des Zahnklinik-Gebäudes. Mukherjee bot ihnen Einzelgespräche an sowie die Möglichkeit, kurzfristig den Arbeitsplatz für die Zeit bis zur Vorlage eines Sanierungskonzepts zu verlagern.

»Wir nehmen die Situation und die Ängste sehr ernst«, versicherte der Präsident. Sollte das Gutachten eine Stilllegung des Hauses nahelegen, werde man das Gebäude auch schließen. Allerdings hätten die Gutachter bereits signalisiert, dass eine Sanierung realisierbar wäre. »Das Problem ist wohl lösbar«, bestätigte der Kanzler und Baubeauftragte der Universität, Dr. Michael Breitbach. Zudem sei es nach bisherigen Messwerten »vertretbar«, den Betrieb aufrechtzuerhalten - auch nach Absprache mit Experten der Universität. Im Frühjahr hatten Messungen die PCB-Belastung vor allem in den Deckenplatten bestätigt. Allerdings habe man daraus noch keine konkreten Schritte für eine Sanierung ableiten können, erklärte Breitbach. »Daher haben wir ein vertiefendes Gutachten in Auftrag gegeben«, das nun allerdings auf sich warten lasse. »Wir sind Ihnen gegenüber derzeit in einem Kommunikationsdilemma« - so formulierte es der Kanzler.

Besonnen und sachlich stellten die Bediensteten während der Versammlung in einem Hörsaal im dritten Geschoss des Zahnklinikums Fragen - und brachten doch gleichzeitig immer wieder ihre Irritation zum Ausdruck. »Das PCB-Problem ist doch nicht erst seit Frühjahr bekannt«, monierte ein Mitarbeiter. Warum werde denn erst jetzt die Sanierung allmählich angegangen? Tatsächlich gab es - wie die Gießener Allgemeine Zeitung berichtete - schon vor diesem Frühjahr Schadstoffanalysen. 2005 war in einer Objektbeschreibung des Klinikums vor der Privatisierung der Hinweis auf das Umweltgift bereits enthalten. »Ich weiß darüber erst seit Juli 2009«, sagte Breitbach. Die Universität sei nur Nutzer der Gebäude - nicht Betreiber - und habe daher keinen Zugang zu solchen Daten. »Hat etwa der Klinikumsvorstand früher von der Belastung gewusst?«, fragte ein Mitarbeiter. »Das ist so«, antwortete Breitbach.

Für die Kosten einer grundlegenden Sanierung der Gießener Zahnklinik wäre das Land Hessen zuständig, und sie würde teuer. »Das Ministerium ist informiert«, erklärte Breitbach. Einige der Versammelten äußerten ihre Verwunderung, dass in ihren Abteilungen keine Messungen vorgenommen worden seien. Nicht jedes Zimmer könne untersucht werden, erläuterte Katherina Hannemann, Leiterin des Dezernats Liegenschaften der Universität. »Das wäre irre aufwendig.« Nach einem bestimmten Muster sei nur in ausgewählten Räumen gemessen worden. Konkrete erhobene Daten könnten in individuellen Gesprächen geklärt werden, so Mukherjee.

Eine Mitarbeiterin erzählte, sie habe sich in ihrer Abteilung nach der Möglichkeit einer Blutprobe erkundigt, um ihre Gesundheit zu überprüfen. »Mir wurde gesagt, das geht nicht, weil ich nicht am Klinikum, sondern an der Uni angestellt bin.« Da müsse es sich um ein Missverständnis handeln, erläuterte Breitbach.

Zur Frage steht unterdessen auch, ob die Zahnklinik in Gießen überhaupt eine Zukunft hat. Pläne, die mittelhessische Zahnmedizin entweder in Gießen oder in Marburg zu konzentrieren, gibt es schon seit 15 Jahren. Zuletzt hatte sich der Wissenschaftsrat im Mai für eine Zusammenlegung ausgesprochen. Der Uni-Präsident betonte gestern nachdrücklich, die eventuelle Sanierung habe mit der Standortfrage der Zahnmedizin nichts zu tun. »Das Präsidium verzögert auch nichts aufgrund taktischer Überlegungen«, hob er hervor. Weiter erklärte er, mit den Mitarbeitern werde man zukünftig die Kommunikation intensiver führen. Nach Vorlage des neuen Gutachtens werde es eine weitere Versammlung geben. Auch Gutachter sollen dann Rede und Antwort stehen.



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