03. Oktober 2017, 19:40 Uhr

Wuthessen gegen Guthessen

»Hör uff mit der Hetze, mit Mensche verletze«, mahnt »Manni Kreutzer« singend die Fremdenhasser, die den »Hexit jetzt« fordern. Bei Dietrich Fabers virtuoser neuer »Show zum Buch« kommt auch das Politische meist unterhaltsam daher. Nur selten bleibt dem Publikum das Lachen im Hals stecken.
03. Oktober 2017, 19:40 Uhr
Autor, Kabarettist, Musiker: Dietrich Faber (M.) präsentiert sich im ausverkauften Stadttheater als Multitalent, hier als Manni Kreutzer mit den Musikern Tess Wiley und Tim Potzas. (Foto: kw)

Der Faber liest die Stimmung in den Keller. Ich muss es wieder rausreißen.« Es ist halb elf, als »Manni Kreutzer« im ausverkauften Stadttheater ein letztes Mal ans Mikrofon tritt. Seine Zugabe »Lonesomer Wolf« erntet frenetischen Beifall. Keine Frage, der prollige Countrysänger aus dem Vogelsberg ist der Star des Abends bei der Premiere von Dietrich Fabers »Show zum Buch«.

Während in seinem neuen Roman »Hessen zuerst!« Flüchtlingskrise und Fremdenfeindlichkeit eine große Rolle spielen, wird die politische Seite auf der Bühne nur angerissen. »Ich lege hier den Schwerpunkt auf das Komödiantenhafte«, sagt Faber gegen Ende des (einschließlich Pause) gut drei Stunden langen, unterhaltsamen Abends. Es gibt viel zu lachen – aber auch nachdenkliche und beklommene Momente.

Manche Figur wird allzu lebendig

Eigentlich ist ja der einstige Polizist Henning Bröhmann die Hauptperson der Krimis. In seinen Shows indes erweckt der Kabarettist und begnadete Parodist Dietrich Faber seine Figuren virtuos zum Leben. »Die eine oder andere wird zu lebendig«, gesteht er und verwandelt sich prompt in Manni Kreutzer, der mit raumgreifendem Habitus ans Mikrofon drängt. Mühsam stoppt ihn sein Erfinder. Bröhmann sei »ein bisschen eifersüchtig« und fühle sich »in den Hintergrund gedrängt«, bittet Faber um Applaus für den Ich-Erzähler. Er sackt ein kleines bisschen zusammen, das Lächeln wird linkisch – Bröhmann ist da und klagt, eigentlich wolle er »Friede, Freude, Eierkuchen«. Doch erneut kreuzen Verbrecher seinen Weg.

Urkomisch und mit Blick fürs Detail persifliert der Gießener einen verkommenen Provinz-Gasthof mit knarzenden Treppen und Frotteebettwäsche oder den Versuch fünf studierter Väter, im Wald »Holz zu machen«. Bröhmanns verwitwete Mutter findet beim Aquafitness-Kurs einen neuen Partner: »Bei der Poolnudel hat’s gefunkt.« Den Enkelchen schenkt sie zwei Meerschweinchen, die die Namen Erdogan und Putin erhalten.

Selbst dem Rechtspopulismus gewinnt Faber amüsante Seiten ab, wenn er die Forderungen der Partei »Hessen zuerst« vorstellt: »Hexit jetzt!« und »Kartoffelworscht statt Döner«. Doch dann doziert Bröhmanns Vermieter Rüdi über »die Altparteien-Fuzzis«, die das Land »zugrunde richten« – und dem Publikum bleibt das Lachen im Hals stecken. Faber zeichnet den Konflikt »Wuthessen gegen Guthessen« nicht schwarz-weiß: Auch eine allzu eifrige Flüchtlingshelferin bekommt ihr Fett weg, die beim »Begegnungsfest« entfesselt intoniert »We are family, I got all my refugees with me«.

Bejubelte Höhepunkte der Show sind die Auftritte Manni Kreutzers mit einer hochkarätig besetzten kleinen Band: Die Singer/Songwriterin Tess Wiley und der Musiker Tim Potzas begleiten Lieder wie »Ob ich gewinne oder ›luhs‹, ich mach aus Minus Blues«. Den Fremdenhassern legt Manni ans Herz: »Hör uff mit der Hetze, mit Mensche verletze. Sei einfach mal fluschig, wuschig und weich.« Tess Wiley präsentiert zwei eigene Stücke, Multitalent Faber setzt sich ans Klavier und greift zur Geige. Schließlich glänzen Faber und Wiley bei einer Opern-Version seines Klassikers »Nie mehr Ikea«.

Man muss Fabers Bücher nicht gelesen haben, um seine Shows zu genießen – umgekehrt erfährt das Publikum von der Handlung und der Fall-Auflösung nicht so viel, dass die Lektüre langweilig würde. Zahlreiche Besucher erwerben das Buch im Foyer.

Fabers Tour durch Hessen – mal mit Musikern, mal mit der abspeckten Leseshow – ist im heimischen Raum im November dreimal zu sehen, nämlich in Lollar (9. November), Atzbach (17.) und Hungen (30. November).

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