29. Mai 2018, 22:24 Uhr

Wurde Patrick K. gefoltert?

Seit 78 Tagen sitzt Patrick K. in türkischer Haft. Dem Gießener wird vorgeworfen, er habe eine Terrororganisation unterstützen wollen. Die Mutter des 29-Jährigen bestreitet das. Claudia S. macht sich größte Sorgen um ihren Sohn. Vor allem nach dem letzten Telefonat.
29. Mai 2018, 22:24 Uhr
Claudia S. macht sich große Sorgen um ihren Sohn. (Foto: Julia Moras)

Claudia S., die Mutter von Patrick K., ist mit ihren Nerven am Ende. »Meine Gedanken sind ununterbrochen bei meinem Sohn. Ich kann kaum einen klaren Gedanken fassen.« An Schlaf sei kaum zu denken. Ihr Handy könne sie gar nicht mehr aus der Hand legen, sagt die 51-Jährige. »Weil ich ja nie weiß, wann mein Sohn sich melden darf.« Am Montag war einer dieser seltenen Momente. Doch es war kein schönes Telefonat.

Am 14. März ist Patrick K. in der türkischen Stadt Silopi im syrischen Grenzgebiet festgenommen worden. Er soll sich in einem militärischen Sperrgebiet aufgehalten haben. Dem Gießener wird vorgeworfen, er habe die Grenze überqueren und sich den kurdischen Rebellen der YPG anschließen wollen. Laut der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu soll bei dem 29-Jährigen Material sichergestellt worden sein, das Verbindungen zur YPG und der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK nachweisen soll. Dem Gießener wird die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Seine Familie und Freunde bestreiten das und betonen, er habe nur alleine wandern wollen.

Es dauerte lange, bis Claudia S. das erste Mal mit ihrem Sohn telefonieren durfte. 40 Tage nach der Festnahme, um genau zu sein. Zwei Wochen später konnte sie noch einmal für zwei Minuten mit Patrick K. sprechen. Und am Montag zum dritten Mal. »Das Gespräch war schrecklich. Mein Sohn hat nur geweint«, sagt Claudia S. Mit brüchiger Stimme fügt sie an: »Er hat gesagt, dass ihm die Augen verbunden worden sind. Dann sei er geschlagen und gefoltert worden.« Die 51-Jährige sieht darin auch eine Erklärung für die Falschinformation, die von der türkischen Nachrichtenagentur verbreitet worden ist. Darin hieß es, Patrick K. habe vier Jahre lang bei der Bundeswehr gedient. Das Verteidigungsministerium hat dies gegenüber dieser Zeitung jedoch dementiert. Dass Patrick K. beim Verhör gestanden hat, für die Kurdenmiliz kämpfen zu wollen, wie es mehrere türkische Zeitungen berichtet hatten, könne ebenfalls mit der Folter zusammen hängen, mutmaßt seine Mutter. Die Misshandlungen sollen sich übrigens noch im Gefängnis in Sirnak abgespielt haben, inzwischen ist der Gießener verlegt worden, ins 430 Kilometer entfernte Elazig.

Aber auch in diesem Gefängnis gehe es ihrem Sohn nicht gut, sagt Claudia S. »Ich habe ihn gefragt, wie es ihm körperlich geht. Da hat er nur geflüstert: ›Das kann ich jetzt nicht sagen.‹« Die Mutter wertet das als schlechtes Zeichen: »Ich will mir nicht ausmalen, was gerade mit ihm passiert. Ich habe große Angst um meinen Sohn.«

Gespeist wird die Sorge auch durch ein anderes Telefonat. Denn offensichtlich hat Patrick K. die Telefonnummer seiner Mutter beim Hofgang einem Mitinsassen zugesteckt. Dessen Eltern, eine kurdische Familie aus Deutschland, hätten dann bei Claudia S. angerufen. »Die Frau hat mir gesagt, dass es Patrick absolut nicht gut geht. Er habe kein Geld, könne sich im Gefängnis also nichts kaufen. Kein Duschgel, keine Seife, nichts.« Obendrein hätte die Mutter des Mitinsassen betont, dass Patrick bis auf die kurzen Hofgänge in einer Einzelzelle isoliert sei.

Isolation, Folter: Es sind schwere Vorwürfe, die Claudia S. gegen die türkischen Behörden erhebt. Und sie sind nicht neu. Auch wenn Folter in der Türkei laut Verfassung offiziell verboten ist, klagen Inhaftierte immer wieder über solche Methoden. Die Nichtregierungsorganisation Human Rights Watch mit Sitz in New York betont, dass seit dem Putschversuch im Sommer 2016 wieder explizit gefoltert werde.

Das Auswärtige Amt nimmt zu diesen Vorwürfen keine Stellung. Eine Anfrage dieser Zeitung samt eines Fragenkatalogs zum Fall Patrick K. wurde bis Redaktionsschluss nicht beantwortet. Bei vorherigen Anfragen bestätigte die Pressestelle lediglich, dass sich der Betroffene nach wie vor in Haft befinde und konsularisch betreut werde. Weitere Angaben machte das Amt aus Gründen des Schutzes der Persönlichkeitsrechte nicht. Claudia S. hatte gegenüber dieser Zeitung gesagt, dass ein Vertreter der Botschaft in Ankara ihren Sohn am gestrigen Dienstag habe besuchen wollen. Aber auch dazu fehlt die Bestätigung aus dem Auswärtigen Amt.

Vielleicht erhält Claudia S. ja bald eine Nachricht. Das Telefon gibt sie derzeit ohnehin nicht aus der Hand.

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