06. Oktober 2017, 19:53 Uhr

Wort zum Sonntag

Wollen wir, was wir kriegen?

06. Oktober 2017, 19:53 Uhr
Avatar_neutral
Aus der Redaktion

»Glück besteht nicht darin, dass wir kriegen, was wir wollen, sondern dass wir wollen, was wir kriegen.« Das habe ich einmal auf einer Spruchkarte gelesen. Der Satz fällt mir wieder ein, wenn ich auf das schaue, was wir kriegen: Die Katholiken im Bistum Mainz haben einen neuen Bischof. Das macht Hoffnung und schmeckt nach Aufbruch. Da könnte die Sache mit dem Glück etwas leichter werden.

Deutschland hat gewählt, und in Katalonien wurde abgestimmt. Richtig glücklich ist niemand damit. Wir kriegen einen neuen Bundestag, und ob die Katalanen ihre Unabhängigkeit kriegen, ist offen. In der Tat ist es zu einfach, sich hinzusetzen und zu sagen: »So ist es. Sehen wir zu, dass wir es lieben lernen, damit wir glücklich werden.« Einfaches Hinnehmen ist keine Lösung.

Ob wir gläubig sind oder nicht: Wenn wir Menschen bleiben wollen, sind wir herausgefordert, uns mit all dem, was wir kriegen, auseinanderzusetzen. Nicht, damit wir kriegen, was wir wollen, sondern damit wir kriegen, was gerecht und menschenfreundlich ist, was die Schwachen schützt und fördert, was nicht ausgrenzt und zur Seite schiebt. Die aktuelle Situation sowohl politisch wie auch gesellschaftlich ruft uns Christen zum Zeugnis auf: für mehr Menschlichkeit. Für eine gerechte Bezahlung, für die Bewahrung des Friedens und der Schöpfung und die rechte Verwaltung der Ressourcen dieser Erde. Für ein besseres Miteinander der Religionen.

Wir müssen jederzeit kritisch auf das schauen, was wir kriegen. Kurz-, mittel- und langfristig. Es wird uns aufgegeben bleiben, dass wir uns mit allen Menschen guten Willens solidarisieren, dass wir uns einsetzen für die, die am Rand stehen oder an den Rand gedrängt werden, damit wir und auch die nachfolgenden Generationen mit Recht den Namen Mensch tragen, wie es das Gebet der Vereinten Nationen sagt.

Der Gott, an den wir Christen glauben, hat in Jesus unser menschliches Leben angenommen: mit Freude und Hoffnung mit Trauer und Angst. Und was er angenommen hat, das hat er auch erlöst. Das macht Christen Mut, auch Unangenehmes anzunehmen, sich nicht tatenlos zu ergeben, sondern Leichtes und Schweres aus der Hoffnung zu gestalten, dass Gott uns aus alledem heil aufwachsen lässt und Leben in Fülle. Und zwar jetzt schon, wenn wir uns als Menschen und als Christen bewähren.

Pfarrer Hans-Joachim Wahl

Dekan des kath. Dekanats Gießen



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos