02. Juli 2018, 21:56 Uhr

»Wollen Sie geführt werden?«

Digitalisierung und Vernetzung stellen die Arbeitswelt auf den Kopf – und Chefs vor ganz neue Herausforderungen. Wie sieht gute Führung heute aus? Darüber diskutierten Studierende der Universität Gießen mit den Spitzen lokaler Firmen.
02. Juli 2018, 21:56 Uhr
Etablierte Führungskräfte stellen sich Studierenden der Wirtschaftswissenschaften zur Diskussion (v. l.): Kerstin Manser (DZ Bank), Karema Haschemi (Moderatorin), Thomas Rühl (Cursor Software AG), Petra Kern (Agentur für Arbeit). (Foto: edg)

Reglose Stille herrscht für einige Sekunden im Hörsaal der Wirtschaftswissenschaften, als Firmenchef Thomas Rühl die Studenten ganz direkt fragt: »Wollen Sie geführt werden?« Bei der Podiumsdiskussion zum Thema »Führungsstile heute und in Zukunft« stellen die Fragen eigentlich Moderatorin Karema Haschemi und Studierende im Publikum. Doch der Gründer der Gießener Cursor Software AG und Vizepräsident der IHK Gießen-Friedberg dreht den Spieß um. Zögerlich hebt ein Student in der letzten Reihe die Hand und sagt: »Ja, ich wünsche mir Zielvorgaben.« Nun meldet sich ein zweiter: »Ich möchte nicht geführt werden, sondern mich selbst verwirklichen.« Dass beides möglich ist, zeigt sich später.

»Agil, divers und digital: Neue Arbeitswelten verstehen und gestalten« ist Ziel und Titel des Kurses der Justus-Liebig-Universität, mit dem Dozentin Luisa Kiotzenoglou die Podiumsdiskussion organisiert hat. Den angehenden Wirtschaftswissenschaftlern stellen sich neben Rühl am Donnerstag auch Petra Kern von der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit und Kerstin Manser von der DZ Bank AG in Frankfurt, dem Spitzeninstitut der genossenschaftlichen Finanzgruppe Volksbanken und Raiffeisenbanken, vor.

Was die Studierenden in der Theorie über die Arbeitswelt 4.0 gelernt haben, erleben die Führungskräfte tagtäglich. »Seit etwa acht Jahren hat der Zug an Geschwindigkeit aufgenommen«, sagt Manser. Projekte, die früher eineinhalb Jahre entwickelt wurden, landeten heute nach einer ein- bis dreimonatigen Konzeptions- und Testphase im InnovationLab auf dem Tisch des Vorstandes. Im Zuge der Digitalisierung des Unternehmens zeige sich der unterschiedliche Reifegrad junger und älterer Mitarbeiter. »Dieses Zusammenspiel gut und wertschätzend zu gestalten ist eine echte Herausforderung für Führungskräfte«, sagt sie. Um dem entgegenzuwirken, habe die Bank zum Beispiel das »Reverse Mentoring« eingeführt, bei dem ältere von jüngeren Kollegen gecoacht würden.

Wie sieht ein guter Führungsstil angesichts neuer Herausforderungen aus? »Führungskräfte müssen ihre Mitarbeiter fördern und zum Eigenengagement motivieren«, sagt Kern. Dazu sei ein Dialog mit Mitarbeitern wichtig. Nur so könnten Führungskräfte ihre Konzepte überprüfen und Probleme erkennen. Die Arbeitsagentur setze weiterhin stark darauf, über Ziele zu führen, aber den Weg dorthin freizustellen. Ähnlich hält das auch der Cursor-Chef.

»Wir setzen auf einen kooperativen Führungsstil«, sagt er. »Das heißt, wir geben Aufgabe, Kompetenz und die Verantwortung dafür an Mitarbeiter.« Natürlich müsse das Thema passen und die Aufgabe machbar sein. Damit habe er sehr gute Erfahrungen gemacht.

Einen autoritären Führungsstil hält er hingegen für überholt. »Die Zeiten, in denen ein Patriarch im Unternehmen allein entscheidet und alle hinterherlaufen sind vorbei«, sagt er. »Das ist ein Führungsstil aus dem letzten Jahrtausend.«

Welche Eigenschaften sollte ein moderner Chef oder eine Chefin also mitbringen? »Früher waren Fach- und Führungskompetenz wichtige Kriterien«, sagt Manser. »Führungskräfte stecken heute den Rahmen ab und sorgen für ein kreatives und agiles Umfeld im Team.« Dazu brauche man Persönlichkeiten, die auch eine Fehlerkultur etablieren. »Wenn eine neue Herausforderung auf Sie zukommt, können Sie nicht auf Ihr Wissen von vorgestern zurückgreifen – dann müssen Sie das Team dazu motivieren, sich den Herausforderungen immer wieder neu zu stellen.« Kern ergänzt: »Als Führungskraft müssen Sie ein Vorbild sein, authentisch und entscheidungsstark – das ist manchmal nicht leicht.« Work-Life-Balance, Gesundheitsmanagement und Arbeitsumfeld sind aktuell ebenfalls im Fokus – und beschäftigen auch die Teilnehmer auf dem Podium.

Für die Modernisierung der Arbeitsplätze hat Cursor zusammen mit dem Vermieter über drei Millionen Euro investiert. Nun gibt es ein offenes Büro mit Glaswänden, höhenverstellbare Schreibtische und Massagekurse. Auch Kern setzt in der Arbeitsagentur auf ein lebenszeitorientiertes Personalmanagement und ermöglicht den Mitarbeitern zum Beispiel flexible Arbeitszeiten oder ein Sabbatjahr. Das sei auch ein Investment in die Arbeitnehmer, sagt sie. »Jemand, den wir jahrelang gefördert haben, sollte gesund durchs Arbeitsleben kommen und nicht vorher aussteigen.«

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