03. Oktober 2019, 17:11 Uhr

Wohngruppe für kranke Straftäter

03. Oktober 2019, 17:11 Uhr
Karen_werner
Von Karen Werner

Sie haben aufgrund psychischer Krankheiten schwere Straftaten begangen. Dank Behandlung gelten sie als »gebessert« und nicht mehr gefährlich. Nun sollen sie sich an einen normalen Alltag gewöhnen. Für solche Patienten plant die Vitos-Klinik für forensische Psychiatrie nun eine Wohngruppe auf dem Klinikgelände in der Licher Straße. Die sechs Bewohner hätten ausnahmslos mehrere Lockerungsstufen erfolgreich durchlaufen und dürften sich bereits frei innerhalb der Anlage bewegen. Das stellt Rouven Raatz, Leiter der Unternehmenskommunikation, auf GAZ-Anfrage klar.

Eigentlich ist Vitos bisher nicht zuständig für Eingliederungshilfe, erläutert Raatz. Es gebe aber zu wenige Nachsorgeeinrichtungen für psychisch kranke einstige Rechtsbrecher. Dies liege auch an den besonderen Anforderungen: Im Anschluss an den Klinikaufenthalt müsse beispielsweise für die Tagesstruktur gesorgt sein, oft seien auch Ergotherapie oder Drogenüberprüfungen nötig. Die Folge: Etliche, die die Klinik eigentlich schon verlassen könnten, blockieren mangels Umzugsmöglichkeit Betten auf den Stationen.

»Belegungsdruck« blleibt hoch

Und die stünden ohnehin unter erheblichem »Belegungsdruck«: Das erläuterte die Ärztliche Direktorin Dr. Beate Eusterschulte im Gießener Forensikbeirat. Die Situation im hessischen Maßregelvollzug mit derzeit 800 Betten sei »auf hohem Niveau stabil«. Die Vielzahl an Einweisungen durch die Gerichte stelle insbesondere die Klinik für forensische Psychiatrie Haina - zu ihr gehört die Außenstelle Gießen - als zentrale Aufnahmeeinrichtung für Hessen vor Herausforderungen.

Darauf habe die Klinik mit vielen Maßnahmen reagiert, unter anderem mit zwei neuen Stationen in Gießen. Weitere Kapazitäten werden in der Vitos-Forensik Riedstadt geschaffen. Mit Fertigstellung des zweiten Bauabschnittes voraussichtlich im Jahr 2021 stehen dort 54 Betten mehr zur Verfügung.

Auch deshalb ist die Gießener Wohngruppe zunächst als Übergangslösung für zwei Jahre gedacht, erläuterte Geschäftsführer Matthias Müller im Beirat. Sie soll in modernen Wohncontainern »zeitnah« eröffnen. Das Konzept sehe realitätsnahe Rahmenbedingungen und die Förderung der Selbstständigkeit vor.

Sollten sich keine anderen Träger finden, die zusätzliche Plätze schaffen, so überlegt Vitos gemeinsam mit dem Landeswohlfahrtsverband, selbst ein Wohnheim zu betreiben. Eine solche Dauerlösung sollte im Sinne der Inklusion in einem normalen Wohngebiet ansässig sein, erklärt Raatz - aber weder in Haina noch in Gießen: Nähe zur Klinik sei grundsätzlich eher »kontraproduktiv«. In einem solchen Haus wäre die Bewohnerschaft »gemischt«.

Die Patienten im Maßregelvollzug sind entweder psychisch krank, süchtig oder geistig behindert und galten deshalb zum Zeitpunkt ihrer Straftat als nicht oder vermindert schuldfähig. Ziel ist, sie durch individuelle Behandlung zu einem straffreien Leben zu befähigen. Und dies gelinge fast immer, betont Raatz im Gespräch mit der GAZ. Die Rückfallquote in den letzten drei Jahren liege unter vier Prozent. Die durchschnittliche Verweildauer in der Klinik betrage knapp vier Jahre. Die Bandbreite reiche von wenigen Monaten bis zu über zehn Jahren.

Im Beirat berichtete die Klinikleitung über eine »Entweichung« am Standort Gießen. Ein Patient war von einem unbegleiteten Ausgang nicht zurückgekehrt. Er wurde aber bereits am nächsten Tag in die Klinik zurückgebracht. Drei Patienten werden in absehbarer Zeit aus juristischen »Gründen der Verhältnismäßigkeit« aus dem Maßregelvollzug entlassen.



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