02. September 2016, 10:03 Uhr

Wohnen in der Gemeinschaft

Gießen (srs). Bis 2007 haben US-Offiziere in 140 Quadratmeter großen Wohnungen in der Lincolnstraße gelebt. Heute ist eine der Kasernen zur Heimat für Studenten, Familien, Senioren und alleinerziehende Mütter geworden. Für 5,40 Euro kalt pro Quadratmeter erfüllen sie sich den Traum vom solidarischen Wohnen.
02. September 2016, 10:03 Uhr

Der Himmel strahlt in sattem Blau. Gleich wird die Sonne beginnen, sich rot zu färben. Es ist ein warmer Sommerabend. Auf einer Wiese an der Lincolnstraße vor einem großen viergeschossigen Haus rennen Kinder mit Eis in der Hand umher. Wenige Meter entfernt sitzen zwei Männer auf Gartenstühlen an einem Tipi aus Holzstämmen, lesen Zeitung. Kinder und Erwachsene lachen miteinander, plaudern. Die 46 Menschen, die seit fünf Jahren dort wohnen, sind nicht Nachbarn im klassischen Sinn. Sie verstehen sich als eine Gemeinschaft. In großen Lettern ziert der gemalte Schriftzug »PROWO« das Haus. Das Kürzel steht für das »Projekt Wohnen«.

»Wir leben hier solidarisch und selbstverwaltet«, hält Diana Schwaeppe fest. Sie und vier weitere in dem Haus lebende Frauen sitzen an einem Holztisch auf der Wiese vor dem Gebäude. Dass sie Sommerabende häufig hier draußen verbringen, sieht man ihnen an. Dunkel gebräunt sind ihre Gesichter.

»Wenn eine Glühbirne im Hausflur defekt oder eine Tür kaputt ist«, erzählt Bettina Kowalsky, melde man sich normalerweise beim Vermieter. »Den klassischen Vermieter gibt es hier aber nicht.« Die Bewohner stehen selbst in der Verantwortung. Vor der Reparatur einer Tür wird zuerst diskutiert. Alle zwei Wochen treffen sich die Bewohner zu einem Plenum. Die Krux: Jede Entscheidung muss einstimmig getroffen werden. Und das kann anstrengend sein. »Daran musste ich mich gewöhnen«, sagt Kowalsky.

Schwaeppe fügt lächelnd mit einem leichten Seufzer hinzu: »Im Wesentlichen sind wir ein großer langer Prozess.« Einige Fenster im Haus, berichtet sie, müssten erneuert werden. »Bei mir in der Küche ist eines blind.« Bei anderen Mietern aber ziehe im Winter ein eiskalter Wind durch das Bad. »Wenn wir darüber sprechen, welche Fenster zuerst repariert werden, muss ich eben zurückstecken.« Auch Nachbarn, die am Abend ihre Musik zu laut aufdrehen, seien Thema im Plenum. Einen besonders rücksichtslosen Mieter habe man schon mal aus dem Haus geworfen. »Das hat aber zwei Jahre gedauert.«

Die Mieter übernehmen auch das Finanzielle wie die jährlichen Bilanzen. Sie habe im ProWo-Haus gelernt, eigenverantwortlicher zu leben und zu arbeiten, sagt Kowalsky. Dass sich nicht jeder in gleichem Ausmaß einbringe, sei durchaus schwierig, räumt Schwaeppe ein. »Es braucht Leute, die ziehen. Und Leute, die sich ziehen lassen.«

Eine Kehrwoche gibt es freilich nicht im ProWo-Haus. »Wenn draußen Unordnung herrscht, sprechen wir das eben im Plenum an – oder rufen einen Aktionstag aus.«

Das »Projekt Wohnen« gehört zum sogenannten Mietshäuser-Syndikat. Dieses vereint über 100 ähnliche Hausprojekte zu einem festen Verbund. Jedes Projekt ist autonom in Form einer GmbH organisiert, die die Immobilie besitzt. Die GmbH der ProWo hat zwei Gesellschafter: den Hausverein, dem die Mieter angehören. Und das »Mietshäuser-Syndikat«, das garantiert, dass das Haus weder verkauft noch zu Eigentum umgewandelt werden kann. Wer in das Haus in der Lincolnstraße einziehen will, benötigt als Mieter kein eigenes Kapital – kann sich aber als Kreditgeber einbringen. Die Rückzahlung der finanziellen Leihgaben wird durch die Mieteinnahmen getragen.

»Ich zahle sieben Euro warm pro Quadratmeter«, erklärt Schwaeppe. Das günstige Wohnen ist für die Mieter im ProWo-Haus allerdings nicht der einzige Grund, darin zu leben. »Ich habe mich von meinem Mann getrennt. Und ich wollte einfach mit anderen Menschen mehr zu tun haben«, erklärt Kowalsky. Das Besondere ist der Gemeinschaftsgedanke: Die Bewohner treffen sich zum Brunch, haben einen Chor gegründet, singen Mantren, spielen Boule.

33 Erwachsene sowie 13 Kinder leben in den 20 Wohnungen – von der Groß-WG auf 180 Quadratmetern bis zum 40 Quadratmeter kleinen Single-Haushalt. Nach dem Kauf des Hauses im Herbst 2010 wurden die Wohnungszuschnitte verändert, zwei Treppenhäuser angebaut, Holzbalkone angehängt. Aus zwölf Wohnungen entstanden so 20. Senioren leben dort neben Studenten und alleinerziehenden Müttern.

»Auch wenn ich hier nicht mit jedem gleich gut auskomme«, hält Bettina Kowalsky fest, »habe ich vor allem eines hier gelernt: Toleranz.« (Foto: srs)



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