29. Mai 2019, 06:00 Uhr

Übernachtungen

Wird Gießen zur Hotelhochburg?

Auf dem Haarlem-Areal entsteht ein Hotel. Weitere sind geplant. Was sagen die alteingesessenen Hoteliers dazu? Was die Tourismus-experten? Ist der Bedarf groß genug für weitere Hotels?
29. Mai 2019, 06:00 Uhr
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Von Christoph Hoffmann
Nein, Wolkenkratzer wie im Brettspiel »Hotel« werden in Gießen wohl nicht entstehen. Neue Hotels aber schon. (Foto: Schepp)

Spötter sagen, Gießen sei eine hässliche Stadt. Das mag sein, trotzdem ist die Stadt beliebt. Das zeigt sich zum Beispiel im starken Bevölkerungswachstum der vergangenen Jahre. Aber auch für Touristen hat die Stadt eine gewisse Anziehungskraft. 166 900 Übernachtungen haben die Gießener Hotels 2018 verzeichnet. Verteilt auf die insgesamt 18 Unterkünfte mit 1067 Betten ergibt das eine Bettenauslastung von 42 Prozent. Das ist ein überdurchschnittlicher Wert, der hessische Landesschnitt liegt bei 38 Prozent. Aber rechtfertigt diese Quote den Bau weiterer Hotels?

Vergangene Woche wurde bekannt, dass auf dem Haarlem-Areal ein neues Hotel entstehen soll. Die Economy-Kette B&B-Hotels will hier 90 preiswerte Gästezimmer errichten. Das »Prime Time Hotel« an der Ausfahrt Ursulum soll ebenfalls bald öffnen, 39 Zimmer sind hier geplant, durch eine Aufstockung könnten weitere 22 hinzukommen. Ob die Kongresshalle jemals ein Hotel beherbergen wird, steht in den Sternen, völlig vom Tisch ist diese Idee jedoch nicht. Konkreter sind die Planungen für Hotels im Norden der Stadt am Ende der Marburger Straße sowie am Güterbahnhof, wobei es bei letzterem Vorhaben eine neue Entwicklung gibt (siehe Kasten). Trotzdem: Offenbar sehen Investoren in der Stadt an der Lahn Potenzial. Die heimischen Hoteliers äußern jedoch Bedenken.

»Die neuen Hotels werden es sehr schwer haben«, sagt Sven Appelt, Direktor des Hotel Steinsgarten. Das mit 186 Betten größte Haus der Stadt sei nicht annähernd bei einer 100-prozentigen Auslastung. »Natürlich ist es zu Stoßzeiten, wenn mehrere Veranstaltungen gleichzeitig stattfinden, schwer, ein Zimmer in der Stadt zu finden. Aber es gibt auch Tage, da kriegen wir unsere Betten nicht gefüllt. Es kann sich also jeder selbst denken, wie der Bedarf in Gießen aussieht.« Er wisse nicht, was die Zukunft bringe, betont der Hoteldirektor, er glaube jedoch nicht, dass durch neue Hotels auch das Gästeaufkommen steige.

Anna Marcelli blickt ebenfalls gespannt auf die neuen Entwicklungen in ihrer Branche. Die Chefin des City Hotels am Kreuzplatz vermutet, dass vor allem das »Bed and Breakfast« auf dem Haarlem-Areal bestehenden Hotels Gäste wegnehmen könnte. »Zum Glück haben wir viele Stammkunden. Aber gerade größere Häuser, die auf Laufkundschaft angewiesen sind, könnten darunter leiden.« Die Auslastung ihres kleines Hauses inmitten der Fußgängerzone bezeichnet Marcelli als »Mittel.« Einen großen Bedarf an neuen Hotels sehe sie daher nicht.

Daniela Ruth hingegen kommt zu einem anderen Schluss. »Es gibt definitiv einen Bedarf. Vor allem im günstigeren Sektor. Da ist die Nachfrage gleichbleibend hoch«, sagt die Leiterin der Tourist-Information. Beim Gießener Stadtfest, den Golden Oldies in Krofdorf oder auch der Messe in Frankfurt sei in der Stadt alles ausgebucht. Aber auch abseits dieser Publikumsmagneten sei die Nachfrage hoch. Eltern von Studenten würden zum Beispiel regelmäßig nach günstigen Unterkünften fragen.

Ansonsten setze sich die Zielgruppe sehr heterogen zusammen. So würden etwa Lahntouristen häufig mit dem Kanu oder dem Rad Halt in Gießen machen. Tagungsgäste der beiden Hochschulen oder von Unternehmen seien ebenfalls regelmäßig in der Stadt. Hinzu kämen Kurzurlauber, zum Beispiel, um das Mathematikum zu besuchen. »Gießen profitiert enorm vom deutschlandweiten Trend des Städtetourismus«, sagt Ruth. Und das schon seit geraumer Zeit. Laut der Leiterin der Tourist-Information hat es in diesem Jahr bei den Übernachtungszahlen zwar einen leichten Rückgang gegeben (-2,1 Prozent), auf einen längeren Zeitraum betrachtet, seien die Zahlen aber stark gestiegen. »Vor allem die Landesgartenschau hat uns einen Schub gebracht.«

Bürgermeister Peter Neidel kennt diese Zahlen natürlich. »Auch wurde mir bei zahlreichen Firmenbesuchen von örtlichen Unternehmern mitgeteilt, dass ein größerer Bedarf für Hotelkapazitäten in der Stadt gegeben ist.« Im Übrigen gehe er davon aus, dass Investoren den Markt genau beobachteten und den örtlichen Bedarf einschätzen könnten. Gerade auf eine Kette wie B&B-Hotels mit 127 Häusern alleine in Deutschland dürfte das zutreffen, das Unternehmen wird eine entsprechende Marktanalyse gemacht haben.

Aber welche Folgen könnten Neuansiedlungen in Gießen haben? Steinsgarten-Direktor Appelt glaubt es zu wissen: »Um zu überleben, müssen neue Hotels anderen Häusern Gäste wegnehmen.«



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