07. Juli 2017, 19:51 Uhr

Wir sind immer in der Krise

Der Germanist und Übersetzer Jesus Irsula referiert im Literarischen Zentrum über die kubanische Kultur. Er sagt: »Wir Kubaner können Kurse geben, wie man Krisen überwindet.«
07. Juli 2017, 19:51 Uhr
Botschafter seines Landes: Jesus Irsula (links) diskutiert mit Prof. Carsten Gansel (JLU) über die kubanische Kultur gestern und heute. (Foto: juw)

Als Kolumbus 1492 auf Kuba landete soll er ausgerufen haben, nie ein schöneres Land gesehen zu haben. Auch Jesus Irsula kommt ins Schwärmen, wenn er an seine Heimat denkt. Der Germanist und Übersetzer spricht temperamentvoll und leidenschaftlich, gerne gibt er zu, von dem typisch kubanischen Nationalstolz erfüllt zu sein: »Zwei Millionen Kubaner leben im Ausland, aber sie alle wollen zurück!«

Worin die unverwechselbare Identität des Landes besteht, lässt sich natürlich nicht in 90 Minuten abschließend abhandeln, die im Literarischen Zentrum eingeplant sind für Vortrag und Dialog. Die interessierten Zuhörer bekamen jedoch anregende Gedanken zur kubanischen Kultur und ein differenziertes Bild des karibischen Inselstaats, das nach dem offiziellen Teil weiter diskutiert werden konnte. Eingeladen hatte ein Gießener Kuba-Kenner: Der Germanist Carsten Gansel hat eine Institutspartnerschaft zwischen der Justus-Liebig-Universität und der Universität Havanna aufgebaut und veranstaltet seit acht Jahren regelmäßig Seminare und Workshops mit kubanischen Studierenden – in Havanna wie in Gießen.

Das heutige Kuba beschreibt Irsula als »kulturelle Hochburg« mit einer lebendigen Literatur- und Theaterszene und einem guten Bildungssystem. Doch viel zu wenige Absolventen der 56 Hochschulen des Landes finden eine angemessene Arbeit. Auch das Zwei-Währungssystem – der Peso und der an den US-Dollar gekoppelte CUC – trage als »Erbe des Sozialismus« zu sozialer Ungleichheit bei. Für eine Währungsreform fehle die wirtschaftliche Grundlage. Auch die Globalisierung mache vor Kuba nicht halt. Irsula rät, Veränderungen mit Bedacht umzusetzen und an den eigenen Werten festzuhalten. Der kubanische Nationalstolz bedeute vor allem, unabhängig zu bleiben, autark.

Ausländer – auch Amerikaner, was Gansel aus eigenen Erfahrungen bestätigt – würden im Land aber freundlich aufgenommen. Denn: Das Volk habe mit der Politik nichts zu tun. Schlimm findet der Referent die politischen Entwicklungen unter der Regierung Trump: Das Klima des Kalten Krieges, das sich unter Obama normalisiert habe, kehre zurück. »Wir sind immer in der Krise. Wir Kubaner können Kurse geben, wie man Krisen überwindet.« Doch jede Krise sei zugleich eine Chance. So habe die Abhängigkeit von den USA Kuba zum Testmarkt für technische Entwicklungen gemacht und schon früh Eisenbahn, Rundfunk, Telefon und Fernsehen beschert. Durch das Embargo habe man sich dann zunehmend nach außen orientiert, wie viele Kubaner ging auch Irsula zum Studium nach Europa. In der damaligen DDR ließ er sich zum Diplom-Germanisten ausbilden. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus galt es, allein auf die Beine zu kommen, was das Land gestärkt habe. Die aktuelle politische Lage sei eine gute Gelegenheit für Europa, eine stärkere Präsenz in Kuba aufzubauen und die wirtschaftlichen Beziehungen zu verstärken.

Kritisch sieht Irsula die kubanische Bürokratie. Doch allein aus »biologischen Gründen« sei ein Generationswechsel unvermeidlich. Nicht nur die kubanischen Bürokraten würden so eines Tages auf natürliche Weise abgelöst, auch die Generation Trump sei nicht unsterblich. Als »kubanischer Optimist« sieht Irsula die Zukunft gelassen.

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