01. November 2019, 22:11 Uhr

»Wir passen nicht zur Neuen Rechten«

Mit der Buswerbung für »Pro Femina« hat die Evangelische Allianz für Wirbel gesorgt. Im GAZ-Interview wehren sich zwei Aktive gegen den Vorwurf der Irreführung - und betonen, sie wollten keine Frau verurteilen, die abtreibt.
01. November 2019, 22:11 Uhr
Karen_werner
Von Karen Werner
Imke Johannson und Pastor Torsten Pfrommer befürworten die Entscheidungsfreiheit der schwangeren Frau. Aber sie meinen: »Die Kinder darf man nicht übergehen.« (Fotos: Schepp)

In den 1980er Jahren ist die Initiative »Helfen statt Töten« der Evangelischen Allianz in Gießen offensiv aufgetreten. Es gab Demonstrationen und Leserbriefe. In der aktuellen Debatte haben wir uns zwei Jahre lang vergeblich um ein Gespräch mit heimischen »Abtreibungsgegnern« bemüht. Auch bei öffentlichen Veranstaltungen gab es wenig Präsenz. Warum?

Torsten Pfrommer: Die Gruppe »Helfen statt Töten« hatte sich schon vor langer Zeit aufgelöst. Wir haben Zeit gebraucht, um intern zu überlegen: Auf welche Art wollen wir uns engagieren? Es wurde deutlich, dass man es nicht so konfrontativ machen möchte wie damals. Wir legen den Akzent auf Hilfsangebote. Wobei die Grundüberzeugung nach wie vor besteht, nämlich dass jedes Leben schützenswert ist.

Imke Johannson: Früher wurden zum Beispiel Bilder von abgetriebenen Föten gezeigt. Das ist für betroffene Frauen ein furchtbarer Druck. Wir wollen ihnen nicht verurteilend begegnen.

Nun tritt die Evangelische Allianz mit Buswerbung an die Öffentlichkeit. Warum?

Johannson: Wir wollten nicht schweigen, aber auch nicht weiter Öl ins Feuer gießen. Wir wollten den Blick auf die Frauen lenken und ihnen eine Hilfe in ihrer Not anbieten.

Pfrommer: Wir haben einen Partner gesucht und sind auf das bundesweite überkonfessionelle Angebot Pro Femina gestoßen. Es berät telefonisch und online, das macht für Gießen Sinn.

Woher stammt das Geld dafür?

Pfrommer: Es kommt aus Spenden von hunderten Privatpersonen.

Was sagen Sie zur Kritik an Pro Femina? Zum Beispiel: Es sei Strategie, dass man zunächst Verständnis zeigt und dann moralischen Druck auf die Frauen ausübt, sie vielleicht immer wieder anruft.

Pfrommer: Ich habe nicht diesen Eindruck. Die Organisation sagt klar: Wer will, wird begleitet. Das ist nur ein Angebot. Aus der Seelsorge weiß ich: Manchmal hakt man noch einmal nach, wenn man merkt, mein Gegenüber kämpft mit sich. Absurd finde ich den Vorwurf, Pro Femina biete Frauen Geld an, wenn sie das Kind bekommen. Ja, es wird über finanzielle Hilfe gesprochen, aber als Teil der Unterstützung für das Leben mit Kind, nicht als eine Art Prämie.

Dann der Vorwurf, Pro Femina wolle mit Irreführung eine zeitliche Verzögerung erreichen, damit Fristen zum Schwangerschaftsabbruch verstreichen.

Johannson: So weit wir wissen, wird natürlich immer erklärt, dass man dort keinen Beratungsschein bekommt. Es geht nicht darum, Frauen zu überreden oder gar zu überlisten.

Es gibt Hinweise auf eine Verflechtung dieser Szene mit der Neuen Rechten. Ist das in Ihrer Gruppierung ein Thema?

Pfrommer: Nein, wir haben darüber nicht debattiert. Ich kann nicht beurteilen, inwieweit diese Zusammenhänge schlüssig belegt sind. Wir als Gemeinden passen nicht zur Neuen Rechten. Wir kümmern uns zum Beispiel stark um Flüchtlinge.

Ist die Evangelische Allianz Gießen Teil eines Netzwerks von Abtreibungsgegnern?

Pfrommer: Es gibt keine organisierten Kontakte, aber sicher Einzelpersonen, die den einen oder anderen Kontakt pflegen.

Mit welchen Gefühlen haben Sie in den letzten zwei Jahren die breite Diskussion verfolgt, die die Gießener Ärztin Kristina Hänel mit ihrer Kampagne gegen den Strafgesetzbuch-Paragrafen 219a ausgelöst hat?

Pfrommer: Ein Gedanke, der mich immer wieder bewegt: Über die Not der Frauen wird zu Recht gesprochen, aber die Kinder spielen kaum eine Rolle. Die dürfen wir nicht übergehen.

Wo liegt für Sie die Grenze zwischen Verhütung, »Pille danach« und Abtreibung?

Johannson: Ich finde, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich weiß nicht, wann das Leben anfängt. Deshalb würde ich persönlich keine »Pille danach« nehmen.

Pfrommer: Im Grunde genommen ist ab der Zeugung ein Leben am Entstehen. Nur ein »Zellklumpen«? Nein, viel, viel mehr. Bei Frauen, die gewollt schwanger sind, sprechen wir ja sehr früh von einem Kind, dessen Leben Schutz verdient, zum Beispiel wenn es um Arbeitsschutz geht.

Gibt es irgendwelche Umstände, unter denen Sie eine Abtreibung verständlich oder vertretbar finden?

Johannson: Ja, wenn man die Geschichten hört, hat man in dem Moment Verständnis. Für mich ist wichtig, einer Frau im Konflikt zu raten: Versuch es anders, ohne Abtreibung - sie aber nicht zu verurteilen. Ich kenne eine Frau, die ihr Kind doch bekommen hat und so glücklich damit ist. Das freut mich so. Aber hätte sie sich anders entschieden, hätte ich sie so gern wie vorher.

Pfrommer: Es ist nicht gut, wenn ein Kind nicht leben darf, das leben sollte. Aber ich weiß nicht, wie ich selbst in manchen Situationen handeln würde. Wenn Jesus den ersten Stein nicht wirft, wer bin ich, es zu tun?

Was halten Sie von der aktuellen Rechtslage? Zunächst vom Paragrafen 218, der auf einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts beruht: Schwangerschaftsabbruch ist verboten, bleibt bei Beratung aber straffrei.

Johannson: Ich finde gut, dass der Schutz für das Ungeborene nicht ignoriert wird. Aber auch, dass man anerkennt: Man darf die Frauen nicht alleine lassen.

Und wie ist Ihre Meinung zum Anfang dieses Jahres neu gefassten Paragrafen 219a, der »Werbung« verbietet? Ist es denkbar, dass eine Frau ein ungewolltes Kind nur deshalb bekommt, weil sie keine Informationen findet?

Pfrommer: Der Paragraf 219a ist eigentlich nur logisch. Wenn ich vorher sage, dass eine Abtreibung nur eine Notlösung ist, dann darf ich sie nicht offen anpreisen. Informationen über Abtreibung waren vor der Änderung ja kein Geheimwissen. Deshalb war sie nicht unbedingt notwendig. Sie hat Folgen: Im Internet erscheinen bei bestimmten Suchbegriffen nun Hilfsangebote wie Pro Femina nicht mehr so weit oben in den Trefferlisten, sondern stattdessen Webseiten, die über die Möglichkeit zur Abtreibung informieren.

Wo liegt in Ihren Augen die Grenze zwischen persönlichem Glauben und Gesetzgebung, die für alle gültig ist?

Johannson: Es ist ein großes Geschenk, dass wir in einem Staat leben, in dem jeder seine Meinung haben kann.

Pfrommer: Gerade wir als Freikirche wissen die Religionsfreiheit und die Meinungsfreiheit zu schätzen.

Christliche Kreise scheinen aber stark Einfluss genommen zu haben auf den »Kompromiss« zum Paragrafen 219a.

Pfrommer: Nach unserer Überzeugung geht es um die Kinder. Man kann ja eine persönliche Position in den demokratischen Diskurs einbringen, auch wenn man zu einer pluralistischen Gesellschaft steht.

Eine Besonderheit bei dem Thema ist: Wenn man Schwangerschaftsabbruch verbietet, heißt das nicht, dass er nicht stattfindet. Wäre es sinnvoll, dass Frauen wieder nach Holland fahren?

Pfrommer: Grundsätzlich kann man nicht jedes Problem mit einem Gesetz lösen. Selbst wenn wir das Abtreibungsrecht komplett liberal regeln würden, wäre die Notlage der Frauen nicht weg. Als häufigsten Grund, warum sie die Schwangerschaft abbrechen wollen, nennen Frauen bei Pro Femina: »Er will das Kind nicht.« Das ist eine Tragik. Darum geht es uns.

Ist es wünschenswert, dass jedes Kind zur Welt kommt, auch ein ungewolltes?

Johannson (zögert): Ich finde ja. Wenn es ungeliebt aufwächst, das ist schlimm. Andererseits: Ich kenne einige Menschen, in deren Kindheit Dinge passiert sind, bei denen ich denke, das kann man nicht aushalten. Auch wenn diese Menschen mit Schwierigkeiten leben - sie sind froh zu leben.

Pfrommer: Es gibt Wege, in ein Familiensystem einzugreifen, wenn ein Kind gefährdet ist.

Manche Lebensschützer schlagen Adoption vor. Kann man Frauen, die oft bereits Kinder haben, eine Schwangerschaft mit allen Begleiterscheinungen zumuten?

Pfrommer: Emotional kann ich mir das schwer vorstellen. Trotzdem hilft diese Lösung dem Kind zu leben. Es gibt keine einfachen Antworten. Wir haben sie auch nicht.



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