16. Juli 2018, 06:00 Uhr

Hausbesetzung in Gießen

»Wir haben uns still in einen Kreis gesetzt«

Nach der spektakulären Hausbesetzung in der Ostanlage schildert ein Aktivist den Moment der Polizei-Stürmung. Zudem spricht er über die Stimmung im Haus und nennt Motive für die Okkupation.
16. Juli 2018, 06:00 Uhr
Mehrfach ließen sich die sechs Hausbesetzer offen an den Fenstern blicken. Lediglich ein Aktivist hatte sein Gesicht hinter einer lila Skimaske verborgen. (Foto: edg)

Top-Gesprächsthema am Wochenende in Gießen war die spektakuläre Hausbesetzung auf dem Blecher-Gelände in der Ostanlage. Sechs Aktivisten aus der linken Szene hatten das leerstehende Haus okkupiert und den Eingang mit Pflastersteinen und Bauschaum zugemauert. Nach stundenlanger Belagerung stürmten Polizisten am späten Freitagabend mit Rammbock und Trennschleifer das Haus und brachten die Besetzer nach draußen, die auf Wohnungsknappheit und steigende Mietpreise aufmerksam machen wollten.

»Von drinnen haben wir die Schläge des Rammbocks der Polizei gehört«, sagte einer der Hausbesetzer. Aufgrund der laufenden Ermittlungen gegen ihn und seine fünf Mitstreiter will er seinen Namen nicht nennen.

Aufgeregt, aber guter Stimmung

Immer wieder sah man am Freitag einige der sechs Besetzer an den Fenstern tanzen, essen oder Sprüche wie »Die Häuser denen, die hier wohnen« skandieren. Nur einer oder eine von ihnen hatte das Gesicht hinter einer lila Skimaske verborgen. Alle anderen zeigten sich unmaskiert an den Fenstern, während vor dem Haus Demonstranten tanzten und Polizisten das Haus abschirmten. »Wir waren zwar aufgeregt, aber wir waren guter Stimmung«, beschrieb der Besetzer die Atmosphäre im Haus. Kurz vor dem Durchbruch der Einsatzkräfte bereiteten sich die sechs Aktivisten auf das Eintreffen der Polizei vor. »Wir haben uns oben in einem Raum versammelt und uns ganz still in einen Kreis gesetzt, bis die Polizei rein gestürmt kam«, sagte der Aktivist. Drinnen habe die Polizei die Identität der sechs Besetzer festgestellt, sie durchsucht und anschließend entlassen.

Den Aktivisten, die sich widerstandslos festnehmen ließen und von denen eine noch minderjährig ist, droht nun eine Strafverfolgung wegen Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung. Was motiviert jemanden dazu, dieses Risiko der Strafe auf sich zu nehmen? Er habe gehofft, mit dem Eigentümer über Sozialwohnungen verhandeln zu können und vielleicht auch selbst dort einzuziehen, sagt der Hausbesetzer. »Die Chancen waren klein, aber es war nicht ausgeschlossen.« Jedoch wolle er auch auf ein generelles Problem aufmerksam machen. »Der Wohnraum in Gießen ist knapp und dieses große Haus steht schon viele Jahre leer. Das ist nicht hinnehmbar.«

Auf die Frage, warum er und seine Mitstreiter nicht andere, weniger radikale Wege eingeschlagen hätten, um darauf hinzuweisen, sagt er: »Solche Aktionen verschieben die Grenzen des Machbaren. Sie bauen Druck auf und zwingen die Verantwortlichen zum Handeln.«

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