15. Dezember 2017, 22:01 Uhr

Wind klingt durch Raum und Zeit

Wind, mal leise, mal stürmisch, lässt Schriftsteller Johano Strasser in seinem gleichnamigen Langgedicht durch sein Leben wehen. Mit Worten malte er in der Lukaskirche Klangbilder, die die Harfinistin Lilo Kraus und der Musiker Chris Schmitt mit der Mundharmonika zum Klingen brachten.
15. Dezember 2017, 22:01 Uhr
Wort, Harfe und Mundharmonika in Klangbildern zelebrieren Johano Strasser, Lilo Kraus und Chris Schmitt (v. l.). (Foto: dw)

Der Wind weht durch die Zeit« und Johano Strasser, geboren 1939 in Leeuwarden, hört ihm zu und folgt ihm. Mit dem Hexenwind geht es hinein in die 70er Jahre, blass-blau stürzt er sich in der Kindheit vom Frühlingshimmel, staubtrocken zieht er weiter mit dem Großvater auf Kriegswegen. Klingt wie die Geigentöne des Vaters, tuschelt, zwitschert und hechelt ein Leben lang. Tückisch ist der Wind, der immer wieder unvermittelt seine Richtung ändert. Melancholisch und zart fangen ihn Harfe und Mundharmonika ein. Der Wind der Kindheit, gebannt in Worten, raschelt wie Papier in seinem Kopf und macht mit einem kräftigen Windstoß tabula rasa. Sehnsuchtsschwanger, lebenslustig und energiegeladen machen die Worte ihn sichtbar und die Musik ihn hörbar. »Wir leben von Gedanken, die der Wind verweht.« Der die Zeitung auf der Straße durch die Lüfte trägt, auf der Suche nach verwertbaren Informationen.

Das Hoffen darauf, dass der Wind sich nicht drehen möge, wird enttäuscht. »Es ist gut wie es ist, flüstert er, aber es bleibt nicht so.« Er nimmt als Morgenwind den unerschütterlichen Glauben mit sich, alles verändern zu können. Leidenschaftlich und kraftvoll schwingen sich die Tango-Rhythmen in den Raum. Wirbelnd dreht er sich in Schleifen und wiederholt sich, wie die Meinung, in jungen Jahren, immer und immer wieder geäußert. Verspielt und wehmütig wird er umgarnt von bluesigen Melodien, gewoben aus Harfenklang und Mundharmonika. Die Worte werden dem Schriftsteller zu Flügeln. Mit »kommunikativer Kompetenz« rüstet er sich für kommende Stürme. Ein Taifun ist die Zukunftsmusik, die das Weltenkarussell immer schneller zum Drehen bringt. Da gibt es keinen Grund mehr zu träumen, doch die Gewissheit reift, »wir können uns getrost dem Sturm überlassen, der uns in die Zukunft weht«.

Mit poetischer Kraft fängt der frühere PEN-Präsident Strasser in seinem Langgedicht das Leben wie den Wind ein und lässt sich von ihm wie ein Vogel durch die Zeit tragen. Der süße Hauch der Kindheit, die Stürme des Lebens, mit dem Wind und seinen Worten überwindet Strasser Zeit und Raum. Das Ticken der Uhr, das Tropfen des Wassers verbindet sich mit dem Klang, den Harfe und Mundharmonika heraufbeschwören. Atemlos folgen die Zuhörer diesem Rausch aus Klang und Wort.

Das Trio ist ein eingespieltes Team, das virtuos zu einem Klangbild verschmilzt. Klassische Melodien, Blues und moderne Klänge improvisieren die Musiker, die die »Süddeutsche Zeitung« gerade zu »Helden der Woche« kürte. Die Soloharfinistin Lilo Kraus und der Bluesmusiker Chris Schmitt bringen als ungewöhnliches Duo einfühlsam mit leichter Hand die inneren Bilder zum Klingen.

Und während draußen ein kalter Wind Weihnachtsbäume zittern lässt, blickt zur letzten LZG-Lesung des Jahres nicht nur der Schriftsteller, sondern auch das Literarische Zentrum mit seinem Vorsitzenden Sascha Feuchert auf ein ereignisreiches Jahr zurück. Am Ende des Lebens aber reift im Schriftsteller die Erkenntnis, dass die Menschheit sich selbst zum Gott erklärt. Der Wind hat sich gelegt, vorerst. Doch leise flüstert er: »Es ist noch nicht zu Ende« – und die Harfenklänge streicheln zart die Gedanken.

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