06. Juli 2018, 06:00 Uhr

Pfarrer geht

Wiesecker Pfarrer Wendel schmeißt hin

Schon länger gärt es in der Michaelsgemeinde, jetzt ist der Streit eskaliert: Wegen »Differenzen in der Gemeindeleitung« kehrt der evangelische Pfarrer Frank Wendel Wieseck den Rücken.
06. Juli 2018, 06:00 Uhr

Von Christoph Hoffmann , 1 Kommentar
Abschied aus der Michaelsgemeinde: Wegen »Differenzen mit der Gemeindeleitung« gibt Pfarrer Frank Wendel seine Stelle auf. (Foto: hf)

Der Gottesdienst ist schon fast zu Ende, als Pfarrer Frank Wendel noch einmal das Wort ergreift. Er habe etwas »in eigener Sache« zu sagen, teilt er den Kirchgängern mit und lässt dann die Bombe platzen: Er wäre gerne geblieben, aber er müsse gehen. Nach seinem Abschiedsgottesdienst am 22. Juli werde er eine Pfarrstelle in Brandenburg annehmen.

Wendel begründet den Schritt mit »Differenzen mit der Gemeindeleitung«. Die Gottesdienstbesucher sind schockiert: Einige weinen, andere verlassen demonstrativ den Saal, manche sitzen fassungslos auf der Kirchenbank. In der Michaelsgemeinde hängt der Haussegen schief. Und das nicht zum ersten Mal.

Einst zwei Hoffnungsträger

Wendel ist seit 14 Jahren Pfarrer in Wieseck. Genauso lange wie Pfarrerin Carolin Kalbhenn, die zudem Vorsitzende des Kirchenvorstands ist. Beide wurden im Sommer 2004 eingeführt. Sie galten als Hoffnungsträger, die das Kirchenschiff nach turbulenten Zeiten (siehe unten) wieder in ruhigere Gewässer führen sollten. Mit der Ankündigung von Pfarrer Wendel beim Gottesdienst am Gemeindefest ist diese Mission endgültig gescheitert.

»Ich war 14 Jahre hier. Es war eigentlich ganz toll, die Arbeit hat mir viel Spaß gemacht. Ich glaube auch, dass die Gemeinde zufrieden war. Aber die Arbeitsatmosphäre zwischen den beiden Pfarrern und teilweise mit dem Kirchenvorstand ist schwierig geworden«, sagt Wendel im Gespräch mit dieser Zeitung. Es habe schon seit einigen Jahren Spannungen gegeben, diese habe man aber stets unter der Decke halten können. Bis jetzt. »Ich habe mich einfach zu wenig unterstützt gefühlt in meiner Art, Gemeindearbeit zu machen«, sagt Wendel.

Turbulenzen treffen

Man merkt dem Geistlichen an, dass ihn die derzeitigen Turbulenzen treffen. Er habe die Gemeinde sehr gemocht, sagt Wendel, die teils ruppige Art der Wiesecker – harte Schale, weicher Kern – habe gut zu ihm gepasst. »Vor allem die älteren Menschen sind traurig. Das macht mir sehr zu schaffen. Ich habe mich hier stets zu Hause gefühlt.«

Sein neues Zuhause wird hingegen 500 Kilometer entfernt liegen. Wendel wird eine Pfarrstelle in Doberlug-Kirchhain übernehmen, eine 9000-Einwohner-Gemeinde im Süden von Brandenburg. Seine Ehefrau Uta kommt aus dieser Ecke. Da sie ebenfalls umsiedeln wird, stehen auch in Grüningen Änderungen an. Denn Uta Wendel ist Pfarrerin in der Pohlheimer Gemeinde. »Es gibt zwei Perspektiven bei dieser Geschichte«, sagt Pfarrer Wendel. Die eine sei nach vorne gerichtet: »Ich freue mich auf eine neue Gemeinde in der Niederlausitz, in der spannende Aufgaben auf mich warten. Mit Flüchtlingshilfe, Tafelarbeit und vielen armen Menschen, für die man etwas tun kann.« Die folgenden Worte kommen Wendel aber nicht so leicht über die Lippen. Er atmet tief durch, bevor er sagt: »Es ist auch eine Flucht. Ich muss gehen, weil es einfach nicht mehr geht.«

Nicht jeder hat Verständnis

Die Art und Weise, wie Wendel seinen Abschied und die dafür verantwortlichen Gründe bekannt gegeben hat, hat nicht jedem Besucher des Gottesdienst gefallen. Er habe sich als Opferlamm dargestellt und der anderen Seite nicht die Möglichkeit gegeben, sich zu erklären, berichten Besucher.

Pfarrerin Carolin Kalbhenn kann sich in der Angelegenheit gerade nicht äußern, sie weilt im Urlaub. Steffen Heinrich, der stellvertretende Vorsitzende des Kirchenvorstands, will aufgrund der Abwesenheit seiner Pfarrerin keine Stellungnahme abgeben.

Matthias Hartmann, der beim Evangelischen Dekanat Gießen für die Öffentlichkeit zuständig ist, erläutert das weitere Vorgehen. Demnach wird es demnächst ein Gespräch zwischen dem Kirchenvorstand und dem Propst geben, in dem die Neuausschreibung der Stelle besprochen werden soll. Während der Vakanz wird Pfarrerin Kalbhenn die Aufgaben von Wendel übernehmen. Der sieht darin kein Problem. Denn auch wenn die Zusammenarbeit offensichtlich nicht geklappt hat, betont er: »Frau Kalbhenn ist eine gute Pfarrerin.«

Damit endet in zwei Wochen das Kapitel Wendel in Wieseck. »Das war ein überwältigender Empfang. Sie haben mir wunderschöne erste Eindrücke vermittelt – hoffentlich bleibt das so.« Mit diesen Worten hatte er vor 14 Jahren seine Einführung in die Wiesecker Gemeinde kommentiert. Heute sagt er: »Schade, dass es nicht geklappt hat.«

Zusatzinfo

Nicht der erste Pfarrerstreit

Bereits 2003 hatte die Michaelsgemeinde mit Problemen zu kämpfen. Zu jener Zeit waren mit Thomas Reichard und den beiden Teilzeitkollegen Traugott Stein und Klaus Weißgerber drei Pfarrer im Einsatz. Doch die Zusammenarbeit klappte nicht, von einem Zerwürfnis war die Rede. Der Kirchenvorstand traf dann die Entscheidung, die beiden Teilzeitstellen zusammenzuführen, was einer »Kündigung« von Stein und Weißgerber gleichkam. Das sorgte für erhebliche Proteste, denn die beiden waren sehr beliebt. Reichard kündigte daraufhin seinen Abschied an. Der heutige Stadtkirchenpfarrer Weißgerber hatte das Verhältnis seinerzeit als »schrecklich« beschrieben.

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