11. Juli 2019, 21:32 Uhr

Wieder Abtreibungen bei Pro Familia?

11. Juli 2019, 21:32 Uhr

Bei Pro Familia Gießen kann man sich grundsätzlich vorstellen, wieder selbst Schwangerschaftsabbrüche anzubieten. Derzeit sei nichts derartiges in Planung, erklärte die neue Geschäftsführerin Renate Schädler auf GAZ-Nachfrage. Doch darüber diskutiert werde durchaus, ergänzt Mitarbeiter Wolfgang Schreiner-Weiß. »Wir haben unser medizinisches Zentrum ja 2005 vor allem deshalb geschlossen, weil es in der Region genug Ärztinnen und Ärzte gab, die den Eingriff durchgeführt haben.«

Die wenigen, die das noch wagten - wie die Gießener Allgemeinmedizinerin Kristina Hänel -, seien aber meist dem Rentenalter nahe. Es fehle an Nachwuchs, auch weil Abtreibung im Medizinstudium so gut wie nicht vorkommt. Einige Pro-Familia-Beratungsstellen, etwa in Rüsselsheim, führten bis heute Schwangerschaftsabbrüche durch.

1989 hatte die Gießener Ambulanz eröffnet, um eine wohnortnahe Versorgung zu schaffen. Vorausgegangen war ein fünfjähriger Kampf mit Behörden und einer christlichen Protestbewegung. Es gab Mahnwachen, Fastenaktionen und Leserbriefschlachten. Dieses Kapitel war das spektakulärste in der 50-jährigen Geschichte des Vereins.

Pille, Selbsterfahrung, § 218

»Sehr medizinlastig« waren die Anfangsjahre. Gründer war im Frühjahr 1969 der Direktor der Uni-Frauenklinik. Man wolle sich »für die Familie mit Willen zum Kind« einsetzen und auch Jugendliche beraten. Sie auszuschließen, komme »einem Verschließen der Augen vor den Realitäten gleich«.

Tatsächlich war das Verschreiben der recht neuen »Antibabypille« zunächst ein Hauptbetätigungsfeld von Pro Familia. Seit 1961 war dieses Verhütungsmittel in Deutschland auf dem Markt und sorgte wenig später für den »Pillenknick«. Waren in der Bundesrepublik 1969 noch 1,14 Millionen Kinder zur Welt gekommen, lag die Zahl für Gesamtdeutschland 2017 nur noch bei 785 000. Aber nicht jede Frau konnte sich die Pille leisten. Lange vor dem heutigen Verhütungsmittelfonds gab der Verein kostenlose »Ärztemuster« weiter vor allem an Bewohnerinnen der sozialen Brennpunkte in Gießen.

Bundesweit setzte sich Pro Familia ein für eine Abschaffung des »Abtreibungsparagrafen« 218; so gab die Bremer Beratungsstelle ein Buch heraus mit dem Titel »Wir wollen nicht mehr nach Holland fahren«. Nach der Gesetzesreform hielten in den 1970er und 80er Jahren verstärkt Mitarbeiter mit sozialpädagogischer Ausbildung Einzug, unter anderem um die Schwangerschaftskonfliktberatung zu übernehmen. Mit Erika König, Ellen Schneider-Mehles und Schreiner-Weiß hat Pro Familia Gießen drei Fachleute, die dort schon über 35 Jahre tätig sind. Sie können aus eigener Erfahrung berichten über den Wandel des Zeitgeistes und ihrer Arbeit.

Ein Beispiel: Gruppenangebote waren einst heiß begehrt. Im Zuge der Frauenbewegung vor 30 Jahren wagten sich Gießenerinnen gemeinsam an die »Selbstuntersuchung«. Auch etliche Männer (Schreiner-Weiß: »von ihren Frauen geschickt«) tauschten sich in Selbsterfahrungsgruppen aus. Heute folge kaum noch jemand dem Satz »das Private ist politisch«; gefragt sei Einzel- oder Paarberatung. Ein Gruppenangebot gibt es für Gewalttäter. Ein Dauererfolg seit 2002 ist die »Trennungsreihe für Frauen«.

Oder: Das Diaphragma. Die Gummihaube als hormonfreie Verhütungsmethode war in Mode, bis mit Aids das Kondom in den Vordergrund rückte. Seit etwa drei Jahren werde es wieder verstärkt nachgefragt, wohl wegen eines sensibleren Gesundheitsbewusstseins, so Schneider-Mehles. Allerdings wurde es vom Markt genommen, vermutlich werde es demnächst eine Mischform aus Diaphragma und »Caya« geben.

Oder: Sexualpädagogik. Früher erklärten Beraterinnen und Berater in Schulklassen vor allem den Inhalt ihres »Verhütungskoffers«. Heute geht es in der Arbeit mit Jugendlichen - meist getrennt nach Mädchen und Jungen - um ein breites Themenspektrum, etwa um Verliebtsein, Übergriffe oder Homosexualität.

Im Rückblick auf die Entwicklung der letzten 50 Jahre hat Pro Familia eine kleine Zeitung gestaltet, die in der Liebigstraße 9 zu haben ist. Gefeiert wird das Jubiläum im Oktober.

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