Die duale Ausbildung ist ein Erfolgsmodell – in diesem Punkt waren sich am Mittwochnachmittag alle Referenten einig. Doch das Zusammenspiel aus Schule und Betrieb muss auf eine neues Fundament gestellt werden. Diese Forderung zog sich wie ein roter Faden durch Vorträge und Diskussionsbeiträge der Fachtagung »Digitale Transformation und Arbeit 4.0«, bei der es auch darum ging, welche Anforderungen berufliche Schulen erfüllen müssen, um die Zukunft der gewerblich-technischen Ausbildung erfolgreich zu gestalten. »Früher haben Werkbank und Blaumann das Bild im Handwerk geprägt«, sagte Stadträtin Astrid Eibelshäuser bei der Begrüßung in der sehr gut besuchten Alten Gießerei des Restaurants Heyligenstaedt, heute gehe es um Begriffe wie Innovation und Digitalisierung. »Jede vierte Maschine in der deutschen Industrie ist mit dem Internet verbunden«, unterstrich die Schuldezernentin den rasanten Wandel und fragte, inwieweit man in der beruflichen Bildung noch auf Ständerbohrmaschinen und Hobelbänke setzen könne. Die Antwort gab sie gleich selbst. Im Zuge der Umsetzung des Digitalpakts seien vielfältige Investitionen in die Bildung an beruflichen Schulen notwendig. »Dazu brauchen wir mehr als Glasfaserkabel und Wlan«, es gehe um neue Berufsbilder, in denen Begriffe wie autonomes Fahren, Elektromobilität oder Smart Home eine Rolle spielen. Eibelshäuser: »Hier sind wir auch als Schulträger gefordert.«

Zu den Bildungsaufgaben der kommenden Jahre gehöre es, »nicht nur die Hochschulen, sondern auch die beruflichen Schulen zukunftssicher zu machen«. Mit dieser Forderung wandte sich Björn Hendrischke als Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft gegen den »steigenden Akademisierungsdruck in der Gesellschaft. Das Handwerk solle die »allgegenwärtige Digitalisierung« als Chance und nicht als Gefahr sehen, betonte Hendrischke. Deshalb sei es wichtig, die duale Ausbildung in den gewerblich-technischen Berufen auf ein neues Fundament zu stellen.

Dass man sich dem »Akademisierungsdruck« entziehen und trotzdem großen Erfolg im Beruf haben kann, unterstrich Thomas Rühl. Er habe sein Studium »erfolgreich abgebrochen« und eine Ausbildung in einem IT-Unternehmen absolviert, berichtete der Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer Gießen-Friedberg. Rühl ist seit vielen Jahren Vorstandsvorsitzender der Cursor Software AG. »Die Digitalisierung wird zum Wachstumstreiber«, erklärte er und bekräftigte, dass die Informations- und Kommunikationstechnik mittlerweile jeden Arbeitsbereich durchdringt. Deshalb müsse sich die betriebliche Aus- und Weiterbildung den Herausforderungen durch »Wirtschaft 4.0« stellen. Dazu bedürfe es einer Verbesserung der technischen Ausstattung an Schulen. »Eine digitale Grundkompetenz gehört schon heute zur Ausbildungsreife.« In der Realität nutzten die meisten Lehrer im Unterricht allerdings noch Papier, Stift und Buch statt Tablet und Smartphone. Ein Drittel der Unternehmen seien einer Umfrage zufolge nicht zufrieden mit der Berufsschulsituation. Rühl: »Wir müssen es schaffen, die duale Ausbildung zeitgemäß und sexy weiterzuentwickeln.«

Bei seinem Blick auf die »Arbeit der Zukunft von Mensch und Maschine« nahm Prof. Heinz Kraus seine Zuhörer zunächst mit auf eine Zeitreise, die er bei Gutenberg und der Erfindung des Buchdrucks begann, über Leibniz und Zuse fortsetzte und mit den Anfängen von Microsoft und Apple in den 1970er Jahren bis in Gegenwart und nahe Zukunft beendete. Wie schnell sich berufliche Standards verändern, habe er am eigenen Leibe erfahren, sagte der Hochschullehrer an der TH Mittelhessen. »Ich bin gelernter Kfz-Mechaniker. Das Einzige, was ich noch kann, ist tanken.« Längst gebe es die Idee der »menschenlosen Fabrik« warf Kraus einen Blick in die kommenden Jahre, in denen »viele Produkte autonom entstehen werden«. Der digitalen Entwicklung müssten auch Schulen Rechnung tragen. »Informatik dazu, Latein streichen«, lautete seine Kurzformel zur Entschlackung des Fächerkanons. Kraus räumte allerdings ein: »Damit macht man sich viele Feinde in der Lehrerschaft.«

Weiter Vorträge zu curricularen und didaktischen Veränderungen und zu Anforderungen an berufliche Bildung aus gewerkschaftlicher Sicht sowie eine vom ehemaligen Theodor-Litt-Schulleiter Joachim Scheerer moderierte Diskussion rundeten die Fachtagung ab.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Apple
  • Astrid Eibelshäuser
  • Berufsbilder
  • Blaumänner
  • Deutsche Industrie
  • Digitalisierung
  • Digitalpakt
  • Drahtloses Netz
  • Gießen
  • Gießereien
  • Gottfried Wilhelm Leibniz
  • Handwerk
  • Microsoft
  • Schulen
  • Software AG
  • Vorträge
  • Gießen
  • Armin Pfannmüller
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen