12. August 2011, 18:05 Uhr

Wie der Turmbau zu Gießen einst scheiterte

Gießen. »So wie der Eiffelturm in Paris, so wird künftig das Philosophikum das Wahrzeichen von Gießen bilden«, schrieb die Gießener Freie Presse (heute Gießener Allgemeine) im Juli 1965 und sprach damit ein damals geplantes Großprojekt der Gießener Universität an, von dem nur wenige der heutigen Einwohner noch etwas wissen.
12. August 2011, 18:05 Uhr

Spräche man Passanten in der Gießener Innenstadt auf die »Osswaldsgrube« an der Ecke Bismarckstraße/Stephanstraße und ihre Bedeutung an, würden viele wohl nur mit den Achseln zucken. Tatsächlich ist den meisten unbekannt, dass dort einst ein 107 Meter hohes Gebäude mit 24 Geschossen hätte stehen sollen. In der Serie über Gießener Gebäude hat sich Liridona Baliu mit einem Gebäude befasst, das nie gebaut wurde.

Eigentlich beginnt die Geschichte am 4 Juli 1957, als Gießen den Status Universitätsstadt wiedererlangte. Die erneut gegründete Universität, die bis heute einen wichtigen Planungsfaktor in der Stadt darstellt, hatte einen großen Zulauf an Studenten, dem sie nicht mehr gewachsen war. Dadurch ergab sich die Notwendigkeit zum Ausbau. Außerdem ging es darum, die geisteswissenschaftlichen Fachbereiche hervorzuheben, die während der Nachkriegs-Periode der Universität als Hochschule für Veterinärmedizin und Bodenkultur in den Hintergrund gerückt waren.

Es kristallisierte sich heraus, dass die Universität innerhalb der Stadt eine Fläche von etwa 100 Hektar benötigte. 1962 reifte schließlich der Plan, für die philosophischen Fachrichtungen im Bereich der Goethe-, Ludwig-, Stephan- und Bismarckstraße ein 24-geschossiges und 91 Meter hohes Gebäude mit Verbindungsbau zu einem zweigeschossigen Hörsaalgebäude zu errichten. Für den Bau des sogenannten »Philosophenturms« hätten die alten Institute für Chemie und Physik, einige Gebäude in der Bismarckstraße, der Stephanstraße und ebenso das Tierhaus des Zoologischen Instituts weichen müssen. Nur das Uni-Hauptgebäude mit der Aula sollte in diesem Bereich erhalten bleiben.

Zustimmung fand der Entwurf bei der Landesregierung, der Magistrat der Stadt jedoch verlangte eine gründliche Überprüfung. Denn die Planung bezog auch die Herder- und Liebigschule ein und hätte faktisch zur Entwidmung der Bismarckstraße geführt. Die indes wurde von den Stadtverantwortlichen als wichtige Verbindungsstraße zum Industriegebiet am Schiffenberger Weg für unverzichtbar erklärt.

 Die Stadt stellte Bedingungen, wozu die Ausweisung einer ausreichenden Zahl an Parkplätzen und die Errichtung einer Antenne für den Polizeifunk auf dem Gebäude gehörten. Aufgrund dieser Auflage stieg die Gebäudehöhe auf 107 Meter. Bei Abrissarbeiten an der Ecke der Bismarckstraße/Stephanstraße stellte sich dann heraus, dass für den Baugrund des Philosophikums in der geplanten Größenordnung ein besonderes Fundament benötigen würde, was wiederum eine Erhöhung der Kosten nach sich gezogen hätte. Dies war ein Grund, warum dieses ehrgeizige Projekt scheitern sollte

 Auch die Größe des Turms, der in etwa doppelt so hoch wie das »Dachcafé«-Hochhaus geworden wäre, stand oft zur Diskussion. Die Befürchtung, dass er das Stadtbild dominieren würde, bestimmte die öffentliche Debatte. Das Philosophikum bedeute einen erheblichen Einschnitt in die Landschaftsgestaltung, so der Tenor.

Schlussendlich sprach keiner mehr von einem Philosophenturm als Wahrzeichen von Gießen. An seine Geschichte erinnert heute nur noch die Wiese gegenüber der Gaststätte »Kate«. Diese »Osswaldsgrube« tauchte vor vier Jahren noch einmal aus Anlass des Unijubiläums aus der Versenkung auf. Vom »Scheitern eines für die Gießener Verhältnisse gigantischen Projekts« schrieb Stadtarchivar Dr. Ludwig Brake im Jubiläumsband »400 Jahre Universität«.

Verwirklicht wurde das Philosophikum – in deutlich bescheidenerer Gestalt – schließlich im »Nizzatal«, wo landwirtschaftlich genutzte Flächen frei geworden waren. Anfang der 70er Jahre wurde es in Betrieb genommen – und ist heutzutage schon wieder ein Sanierungsfall. (Fotos: Schepp/Stadtarchiv)

Schlagworte in diesem Artikel

  • Eiffelturm
  • Großprojekte
  • Johann Wolfgang von Goethe
  • Philosophikum Gießen
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos