26. Dezember 2018, 11:00 Uhr

Haibach-Interview

Wie der Promi-Scheidungsanwalt aus Gießen arbeitet

Rudolf Haibach ist Experte in Sachen Scheidung. Das hat sich so weit herumgesprochen, dass auch Prominente seine Klienten sind. Aktuell vertritt der Gießener Lilly Becker, Ehefrau von Boris Becker.
26. Dezember 2018, 11:00 Uhr
Rudolf Haibach ist bundesweit bekannt als Scheidungsanwalt. Die Juristerei liegt in seiner Familie. Neben seiner Ehefrau und seiner Tochter war auch sein Vater Jurist. (Foto: Schepp)

Herr Haibach, wie wird man Scheidungsanwalt von Lilly Becker?

Rudolf Haibach: Durch Empfehlung. Und durch Beauty-Contests.

Was sind denn Beauty-Contests?

Haibach: Der Mandant versucht anhand der Persönlichkeit des Rechtsanwaltes, seiner Erfahrung und Kompetenz herauszufinden, welcher zu ihm am besten passt, ob er die Interessen gut durchsetzen kann und ob er ihm dann den Auftrag erteilt.

Ist das kein Problem für Anwälte, wenn sie wissen, dass Mandanten vorher die Fühler nach anderen ausgestreckt haben?

Haibach: Nein, ich mag das. Das ist gut für den Mandanten und gut für uns. Es gab vor etwa zehn Jahren in der Anwaltschaft Diskussionen, ob man solche Beauty-Contests als Anwalt überhaupt mitmachen solle. Damals habe ich die Kollegen immer wieder gefragt, was sie den eigentlich gegen Wettbewerb haben. Mir macht Wettbewerb Spaß.

Männer können Tölpel sein

Rudolf Haibach

Vor allem in der Boulevardpresse werden Sie gerne als Promi-Anwalt bezeichnet.

Haibach: Das ist für mich eine wertlose Bezeichnung. Ich mache meinen Job, egal worum es geht und um wen es sich handelt. Alles andere wäre unprofessionell.

Vertreten Sie eine prominente Mandantin wie Lilly Becker anders als Menschen, die nicht im Scheinwerferlicht stehen?

Haibach: Nein. Bei uns wird einer behandelt wie der andere. Das könnten auch unsere Mitarbeiter nicht verstehen, die kein solches Einkommen haben, wie viele Mandanten von uns das haben. Dass die Verfahren bei Promis natürlich wesentlich aufwendiger sind, versteht sich von selbst.

Wenn der Boulevard über eine Promi-Scheidung berichtet, macht es Ihre Arbeit sicherlich auch nicht einfacher.

Haibach: Absolut. Natürlich lässt sich eine Scheidung in solchen Fällen schwer verheimlichen, garantiert ist aber, dass wir nichts nach Außen dringen lassen, es sei denn, dem Mandanten liegt aus taktischen Gründen daran. Man muss aber vorsichtig sein, weil das ganze Getöse, das dann durch die Presse kommt, durchaus einen Rückschlageffekt haben kann. Deswegen versuche ich es so leise wie möglich zu machen.

Sie vertreten vor allem Frauen. Gibt es dafür einen Grund?

Haibach: Frauen wünschen sich einen durchsetzungsstarken Mann als Anwalt. Das sagen sie mir immer wieder. Außerdem weiß man, dass es mit uns funktioniert. Etwa 50 Prozent aller unserer Mandate sind früher bei anderen Anwälten gewesen. Im Gespräch sagen dann viele, endlich ginge es voran. Das ist aber kein Kunststück, weil ich nichts anderes mache. Wenn Sie mir sagen, ich soll einen Rotlichtverstoß an einer Ampel für Sie bearbeiten, dann würde ich sagen, Herr Al-Khanak, gehen Sie woanders hin. Das hat keinen Sinn mit mir. Allmählich aber begreift die Anwaltschaft, wie gut die Spezialisierung für die Mandanten ist. Früher hat sie sich dagegen unverständlicherweise gewehrt.

Frauen wünschen sich einen durchsetzungsstarken Mann als Anwalt

Rudolf Haibach

Sie haben also nur ein Rechtsgebiet.

Haibach: Früher wäre so etwas undenkbar gewesen. Meine Ehefrau war sehr skeptisch und fragte sich, ob es richtig ist, alle anderen Bereiche auszuklammern. Ich kann aber nicht jeden Tag alle Fortbildungszeitschriften lesen, irgendwann leiden Mandanten darunter. Ein halbes Jahr haben wir gebraucht, bis wir voll im Familienrecht drin waren. Und das hat sich dann schnell herumgesprochen. Damals gab es viele, die uns belächelt haben. Die finden das heute nicht mehr so lustig. Wir waren der Zeit weit voraus. Das wollen wir auch heute noch sein. Deshalb bin ich ein großer Verfechter der außergerichtlichen Einigung. Kein Mensch streitet sich gerne vor Gericht. Die außergerichtliche Verfahrensweise ist billiger, besser und schneller. Und sie ist risikofrei.

Um nochmal zurückzukommen: Vertreten Sie Männer anders als Frauen?

Haibach: Frauen brauchen den starken Mann, während meine Frau viele Männer als Mandanten hat. Meine Frau arbeitet feiner an den Sachen, während ich gerne den Vorschlaghammer auspacke, wenn es nicht so läuft, wie ich es für richtig halte. Das geht bei mir schnell. Ich fackel nicht lange, ich diskutiere nicht lange, ich bin kein Diplomat. Das kann man gut oder schlecht finden.

Sind Sie bei einer Scheidung auch emotional gepackt?

Haibach: Nein, ohne Distanz geht in dem Beruf gar nichts, auch zum Mandanten. Dass man ihn leidenschaftlich vertritt, das ist klar. Aber es darf nie so sein, dass man sich mit ihm überidentifiziert. Das geht schief. Für Anwalt und Mandant. Mir sind Anwälte suspekt, die von »wir« als Anwalt und Mandant, reden. Da fehlt schon die Distanz, um dem eigenen Mandanten ein perfektes Verfahren zu garantieren.

Verstehen das Ihre Mandanten?

Haibach: Da können Sie ganz sicher sein. Es muss mir gelingen, die eigene Partei emotional herunterzufahren. So schwer das auch manchmal ist, es kostet viel Zeit. Sie sind nicht nur Anwalt, sondern auch Psychologe und Pfarrer. Diese drei Berufe sind in einem zusammengefasst. Das macht aber auch den Reiz aus: Sie müssen Führungsqualitäten haben, Menschen führen können und wissen, welches Ziel sie für den Mandanten im Auge haben. Wenn der Mensch dann merkt, dass er straff und gut geführt wird, wenn er das Ziel vor Augen hat und merkt, dass der Weg zum Ziel sicher und nicht blind gegangen wird, dann funktioniert das Ganze. Das ist für mich mindestens genauso wichtig wie das Honorar. Wenn sich am Ende alle Beteiligten noch in die Augen schauen können, dann waren sie als Anwalt grandios.

Herr Haibach, Sie standen selbst vor Gericht. Der Vorwurf: Falsche Abrechnung. Hatte dieses Verfahren Auswirkungen auf Ihre Arbeit?

Haibach: Ich habe bemerkt, wie fehlbar die Justiz sein kann. Ich persönlich und keine unserer Mitarbeiterinnen hat einen Fehler gemacht. Das Anwaltsgericht hat die Situation anders bewertet und das Verfahren gegen mich eingestellt. Dort hat man den Fehler bemerkt. Der Justiz war das Nichterkennen des Fehlers aber nicht vorwerfbar, auch wenn das Urteil inhaltlich falsch war und gemessen an den Fakten falsch sein musste.

Und welcher Fehler war das?

Haibach: Der Vorsitzende des Landgerichts erklärte aus gutem Grund, er wisse genau, wo was schiefgelaufen sei. Jedenfalls nicht bei uns, sondern bei dem Kollegen im Rheinland, die für uns durch ein Versehen in dessen Büro die Abrechnungen fehlerhaft gemacht hatte. Die Mitarbeiterin des Kollegen hatte versehentlich, wohl wegen eines Hörfehlers, anstelle der Zahl 179 000 Euro die Zahl 279 000 Euro in die Abrechnung eingesetzt. Das fiel keinem auf. Mir auch nicht, weil meine Akte noch bei dem Kollegen war. Das Ganze war abstrus. Fest steht, dass mir der Fehler nicht vorzuwerfen war. Trotzdem habe ich mich verantwortlich gezeigt und dazu gestanden.

Wie haben Ihre Mandanten reagiert?

Haibach: Viele haben mich angerufen und gesagt, ich solle mich nicht unterkriegen lassen. Sie seien von mir fair und professionell behandelt worden. Ich habe eine sehr klare Honorarpolitik. Mir ist es wichtig, dass unsere Mandanten wissen, dass es bei uns teurer ist als in anderen Büros. Wir kalkulieren die Mandate betriebswirtschaftlich durch. Fast alle Mandanten wollen gleichwohl von uns vertreten werden.Man kann hochwertige Leistung auf Dauer nicht billig verkaufen.

Geht es bei Scheidungen nur ums Geld?

Haibach: Dieser Satz kommt dann ja oft. Dabei geht es vor allem um die Sicherung der Existenz, bei Männern wie bei Frauen. Man darf das nicht abwertend formulieren. Darf ich Ihnen dazu noch was sagen?

Na klar.

Haibach: Ich habe einen riesigen Respekt vor meiner Frau, die neben unserem Beruf auch noch zwei Kinder perfekt großgezogen hat. Und ich sage Ihnen das ganz deutlich: Ich hätte das nicht gekonnt. Es ist toll, was viele Frauen leisten, ohne zu murren. Männer können so etwas nicht. Das ist ein falsches Verständnis von Partnerschaft. Männer frage ich dann, was sie eigentlich wollen. Die Frau hat doch ihre Kinder groß gezogen! Das verstehen die Kameraden.

Sie sind auch international aktiv. Wo lohnt sich eine Scheidung am meisten?

Haibach: In England. Das liegt am dortigen Rechtssystem. Dort interessiert sich niemand für deutsche Eheverträge. Da wird einfach das ganze Vermögen geteilt. Und beim Unterhalt sind die Gerichte sehr großzügig. Ein Beispiel: Eine Mandantin, prominent, kam an einem Donnerstagabend zu uns. Ich sagte ihr, wenn es irgendwie möglich ist, fliegen Sie heute noch nach London. Ich besorge Ihnen einen Anwalt. Dort kriegen Sie über 40 Millionen Euro. Hier in Deutschland hätte sie fünf Millionen Euro bekommen. Ihr Mann hatte in einer Großstadt den Scheidungsantrag eingereicht, aber fünf Stunden nach der Ehefrau in England, mithin fünf Stunden zu spät. Dieser einfache Rat hat der Ehefrau zusätzlich 40 Millionen gebracht. So genau war es. Auf den Punkt. Es geht in diesem Zusammenhang darum, wann und wo der erste Scheidungsantrag gestellt wurde.

Muss sie dafür Engländerin sein?

Haibach: Nein. Sie muss eine gewisse Zeit in England gelebt haben. Wenn es zu so einer Situation kommt, bereiten wir das ganz leise und superschnell vor. Kein Mann erfährt das, niemand. Und dann fängt es an. Das nennt man Scheidungstourismus. Aber es ist relativ ungewöhnlich in Deutschland, es passiert hier relativ selten. In London ist das normal.

Sie haben täglich mit Scheidungen zu tun. Aber verheiratet sind Sie mit Ihrer Frau seit über 30 Jahren. Wie klappt das?

Haibach: Weil meine Frau klug ist.

Sind die Fälle, die Sie bearbeiten, mahnende Beispiele für Sie?

Haibach: Eine Ehe muss gepflegt werden. Das ist für Männer schwieriger als für Frauen. Wir Männer können Tölpel sein, was das angeht. Frauen haben viel mehr Geduld, wenn es nicht funktioniert, als Männer. Und wenn es dann wirklich gar nicht mehr geht, dann sind sie konsequent. Während Männer einfach gehen, wenn es nicht mehr klappt. Früher, zu meiner Elterngeneration, da war das anders. Man hat gelitten bis zum letzten Atemzug. Heute geht man eben auseinander. Man lebt sich auseinander und jeder entwickelt sich unterschiedlich. Später passt man dann nicht mehr zusammen. Eine Ehe besteht zum Großteil aus Stabilität. Wenn das nicht mehr da ist, ist es vorbei.

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