15. Oktober 2018, 09:14 Uhr

Wohnungsnot

Wie Studenten in Gießen die Wohnungsnot erleben

Die Wohnheime für Studenten in Gießen sind ausgebucht. Auch auf dem offenen Markt ist bezahlbarer Wohnraum rar. Für Studienanfänger wie Milan Rachold bedeutet das: Suchen, suchen, suchen.
15. Oktober 2018, 09:14 Uhr
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Von Kays Al-Khanak
Milan Rachold sucht noch immer nach einer Wohnung. Er hat unzählige Anrufe getätigt, Nachrichten geschrieben und Zimmer angesehen. (Foto: khn)

M ilan Racholds Zuhause ist momentan eine Couch – die ihm nicht gehört. Der 31-jährige Essener studiert ab diesem Wintersemester Zahnmedizin in Gießen und sucht wie viele der anderen 6500 Studienanfänger eine Wohnung. Vorübergehend untergekommen ist er dank eines Erstsemesterhelfers in einer Vierer-Wohngemeinschaft.

Sein Leben führt er momentan nur aus einem Koffer, mit seiner Laptop-Tasche – und einer gehörigen Portion Ungewissheit. Sein wichtigstes Hilfsmittel: das Smartphone. Auf dem kontrolliert er immer wieder, ob eine neue Wohnungsanzeige auf den einschlägigen Portalen eingestellt wurde. »Natürlich bin ich unruhig«, sagt er, »solange ich hier in Gießen nicht richtig ankommen kann.«

So wie Rachold geht es vielen anderen jungen Menschen in Gießen. Nach Angaben des Studentenwerks gibt es hier 2723 Wohnheimplätze, alle sind seit geraumer Zeit belegt. Auf der Warteliste stehen 1500 Studenten. Am 24. September bekam Rachold die Zusage für sein Studium. Einen Tag später fuhr er nach Gießen und fragte beim Studentenwerk nach. »Die mussten lachen«, sagt er, »weil ich so kurzfristig um einen Platz im Wohnheim bat.« Die meisten, erzählten sie ihm, hätten sich bereits im Frühjahr beworben. Da wusste der 31-Jährige noch gar nicht, ob es überhaupt mit einem Studienplatz in diesem Semester klappt.

 

Neue Plätze im Eichendorffring

Dem Studentenwerk ist die Problematik bewusst. Deswegen wird tief in die Tasche gegriffen – und Wohnraum geschaffen. Fertig ist das sogenannte X-Haus im Eichendorffring mit 75 Plätzen. Kosten: 4,9 Millionen Euro; davon sind 1,15 Millionen aus dem Förderprogramm des Landes für Studentisches Wohnen. Für das Wohnheim »Westside« an der Bernhard-Itzel-Straße liegt ein Bauantrag vor. Hier sollen etwa 300 Plätze entstehen. Hinzu kommt der geplante Neubau mit 20 Plätzen an der Friedrichstraße, wo aktuell noch eine ungenutzte Villla steht.

Wer im Wohnheim leer ausgeht, versucht es auf dem freien Markt. Nur einfacher ist es dort nicht mit der Suche. Der Grund laut Mieterverein: die extrem hohe Studentendichte in der Stadt und ein angespannter Wohnungsmarkt mit einem Mangel an vor allem kleinen und preisgünstigen Wohnungen. Aber auch große Wohnungen seien gefragt – von studentischen Wohngemeinschaften. Angebote für WG-Zimmer im oberen Preissegment, etwa als »All-Inclusive-Wohnen« für 400 bis 500 Euro im Monat, gebe es genug. »Das nützt aber den meisten Studenten nichts, denn ihr Monatsbudget ist zu klein, um sich das leisten zu können:«

 

WGs veranstalten Castings

Rachold hat seine erste Nacht in Gießen im Hotel verbracht. Sein Erstsemesterhelfer vermittelte ihm daraufhin den Platz auf der WG-Couch. Seitdem hat der Student unzählige Nachrichten geschrieben, Anrufe getätigt, Wohnungen angeschaut. Er sucht ein Zimmer in der Nähe seines Fachbereiches, also rund um das Klinikgelände. »Die Bewohner von WGs veranstalten Castings und planen dafür einen ganzen Tag ein«, erzählt er. Plaudern, zusammensitzen, dann ein »Wir melden uns.« Mal passiert das, mal nicht.

In Wieseck sah er sich das Zimmer im Haus einer Seniorin an. »Erst erzählte sie, es gebe so viele Interessenten, ich solle mich beeilen. Als ich mir die Wohnung anguckte, gab sie mir fünf Minuten, mich zu entscheiden.« Seine Entscheidung fiel schneller: Bloß nicht! »Eine uralte Einrichtung, eine Herdplatte und ein alter Kühlschrank durch einen Vorhang getrennt, und alles roch feucht.« Andere Vermieter forderten eine Mindestmietzeit von bis zu drei Jahren. Frei wären außerdem Zimmer bei Verbindungen. »Die sind nichts für mich, wegen ihrer Hierarchie und wegen ihrer politischen Einstellung.«

 

Appell an Vermieter

Die Situation (nicht nur) in Gießen ist vor allem auf dem Markt mit den günstigen Wohnungen angespannt. Denn hier konkurrieren die Studierenden mit anderen Gruppen. Uni-Präsident Prof. Joybrato Mukherjee und Gießens Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz appellieren deshalb an Vermieter, vorhandenen Wohnraum anzubieten.

Auf der Couch will Rachold nicht länger leben. Nicht, dass ihm die WG-Bewohner das nicht angeboten hätten und er sich nicht bei ihnen wohlfühlen würde. Der gelernte Zahntechniker will den vier Studenten aber nicht zur Last fallen. Zur Not, sagt er, wird er in ein Übergangsquartier ziehen, das für wohnungslose Studenten zu Verfügung steht. Im Keller des Wohnheims am Unterhof gibt es Schlafsäle mit insgesamt 30 Betten. Für den Oktober hätte Rachold dann immerhin ein Dach über dem Kopf. Wie es dann weitergeht? Der Student zuckt mit den Schultern. Geduld haben und weitersuchen. Seine Hoffnung: Wenn der erste Wettlauf auf die Wohnungen vorbei ist, wird sich eine Chance auftun. Hoffentlich.

Zusatzinfo

Wohnraum-Demo des AStA

Der AStA der Justus-Liebig-Universität plant eine Demonstration, um auf die Probleme auf dem Wohnungsmarkt aufmerksam zu machen. Die Veranstaltung ist für Mittwoch, 24. Oktober, geplant. Die Uhrzeit steht noch nicht fest.



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