Stadt Gießen

Wertvolle Hilfe durch Selbsthilfe

Über 100 Selbsthilfegruppen gibt es in Gießen und näherer Umgebung. Sie bieten Hilfe bei Suchtproblemen, körperlichen Krankheiten oder psychischen Störungen. Welche Bedeutung haben diese Selbsthilfegruppen? Welche haben großen Zulauf? Und wie findet man die passende Gruppe? Wir haben darüber mit einem Experten gesprochen.
10. März 2017, 20:05 Uhr
Jens Riedel
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Jürgen Matzat leitet die Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen in Gießen. (Foto: jri)

Seit 30 Jahren leitet der Diplom-Psychologe und Psychotherapeut Jürgen Matzat die Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen in der Friedrichstraße 33 in Gießen. Diese Einrichtung ist die wichtigste Anlaufstelle für Ratsuchende in Stadt und Kreis Gießen.

Herr Matzat, welche Arten von Selbsthilfegruppen gibt es?

Jürgen Matzat: Es gibt vier große Bereiche: Der erste und größte Gruppenbereich definiert sich über Krankheiten und Behinderungen wie etwa Krebs, Schuppenflechte, Rheuma oder Diabetes. Zweitens gibt es die psychosozialen Gruppen für Probleme wie Ängste, Essstörungen, Depressionen, Stottern oder Legasthenie. Der dritte Bereich sind Sucht-Selbsthilfegruppen, vor allem zu Alkohol und Drogen. Der vierte Bereich sind Selbsthilfegruppen für Angehörige, etwa für Eltern herzkranker Kinder, für Angehörige von Autisten oder von Alzheimer-Kranken. Insgesamt gibt es über 100 Gruppen. Einige Gruppen sind jedoch auch der Kontaktstelle nicht bekannt. Sie wollen in Ruhe gelassen werden, nicht öffentlich werden.

Welche Gruppen haben derzeit den größten Zulauf?

Matzat: Das sind ganz klar die Gruppen, die sich mit psychischen Krankheiten beschäftigen. Hier ist in den letzten Jahren eine sehr starke Zunahme zu verzeichnen, da psychische Probleme insgesamt deutlich zugenommen haben.

Welche Gruppen gibt es schon sehr lange, und was sind neuere Gruppen?

Matzat: Vor allem die Suchtgruppen sind schon sehr alt, die gibt es seit Jahrzehnten. Die ältesten Gruppen sind Selbsthilfegruppen für Alkoholiker. Die gibt es schon seit rund 50 Jahren. Auch Gruppen zu großen Volkskrankheiten wie Krebs, Diabetes oder Rheuma gibt es schon lange. Neu dagegen ist zum Beispiel eine ADHS-Gruppe speziell für Erwachsene. Auch eine Schlaganfall-Gruppe ist ziemlich neu. Neueren Datums sind auch lokale Sucht-Selbsthilfegruppen wie in Wettenberg, Hungen oder Laubach.

Was sagen Sie zur gesellschaftlichen Bedeutung von Selbsthilfegruppen?

Matzat: Die wichtigste Hilfe für die Betroffenen ist es, in den Gruppen Verständnis für das eigene Problem zu finden und es mit einer Gemeinschaft teilen zu können. Viele Teilnehmer an Selbsthilfegruppen dachten vorher, sie seien die Einzigen auf der Welt, die unter einem bestimmten Symptom, einer Krankheit oder Sucht leiden. Die Erfahrung zu machen, dass sie mit einem Problem nicht alleine dastehen, hilft unmittelbar. Auch die Auswirkung auf Familienangehörige ist gut - es entlastet Angehörige, wenn der Betroffene Hilfe in einer Gruppe findet. Zudem sind Menschen in der Gruppe besser informiert über ihre Krankheiten und können andere Hilfsangebote besser nutzen. Langfristig gesehen können Selbsthilfegruppen durch die Verbesserung der persönlichen Situation der Betroffenen auch Folgekosten für das Gesundheitssystem sparen, aber das ist streng wissenschaftlich nur schwer nachzuweisen.

Wie finden Interessenten und Betroffene die für sie jeweils geeignete Gruppe?

Matzat: Am besten ist es, sie rufen bei uns in der Kontaktstelle unter der Telefonnummer 06 41/985 45 612 an. Wir stellen den Kontakt zwischen Interessierten und bestehenden Gruppen her und versuchen, Betroffene in die jeweils passende Gruppe zu vermitteln.

Was empfehlen Sie jemandem, der eine neue Selbsthilfegruppe gründen möchte?

Matzat: Manchen Menschen reichen für die Gruppengründung ein paar Tipps, etwa zur Raumsuche. Andere sind eher ängstlich. Da kann ich in einem persönlichen Gespräch bei der Planung der Gruppe helfen. Ich biete zudem an, zu einer Gründungssitzung hinzuzukommen. Wenn aber jemand eine Selbsthilfegruppe zu einem extrem eingegrenztem Thema, etwa der Angst vor dem Fahrstuhlfahren, gründen will, wird es damit wohl nichts werden, da die Zahl der möglichen Teilnehmer in Gießen einfach zu gering ist.

Was ist denn die ideale Teilnehmerzahl für eine Selbsthilfegruppe?

Matzat: Eine gute Größe für Selbsthilfegruppen, in deren Zentrum das persönliche Gespräch steht, ist sechs bis zwölf Personen. Ist die Gruppe zu klein, besteht die Gefahr, dass sie mangels Teilnehmern einschläft. Ist sie zu groß, bekommen die einzelnen Mitglieder möglicherweise nicht genug Raum und Gesprächszeit.

Gibt es Ihrer Erfahrung nach Hemmungen, eine Selbsthilfegruppe zu besuchen

Matzat: Natürlich. Oftmals brauchen Menschen mehrere Anstöße, um einer Gruppe beizutreten. Manchmal rufen auch Familienangehörige oder Nachbarn im Namen der Betroffenen oder Ratsuchenden bei uns in der Kontaktstelle an, um zu vermitteln. Es ist aber auch klar: Eine Selbsthilfegruppe ist nicht für jeden geeignet, sie ist kein Allheilmittel für alle und jeden, auch wenn sie für viele Menschen eine Bereicherung und wertvolle Hilfe ist.

Wie finden Selbsthilfegruppen geeignete Räume für ihre Treffen, und wer bezahlt diese Räume?

Matzat: Das hängt ganz davon ab. Manchen Gruppen reicht ein Tisch oder Raum in einer Kneipe, andere brauchen intime Ruhe, neutrale und geschützte Räume außerhalb der eigenen vier Wände. Das kann in Kliniken sein oder in kirchlichen Gemeindezentren. Manche Gruppen machen auch gymnastische Übungen, sie brauchen deshalb Platz, um Sportmatten auszurollen. Manche Gruppen treffen sich zweimal pro Woche, andere nur zweimal im Jahr. Nach Möglichkeit sollten die Gruppen versuchen, ihre Räume kostenlos zu erhalten. Sollten dennoch Mietkosten unvermeidbar sein, können sie bei gesetzlichen Krankenkassen geltend gemacht werden.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen der Selbsthilfe-Kontaktstelle und den Gruppen?

Matzat: Die Zusammenarbeit ist für die Gruppen freiwillig und kostenlos. Es gibt Gruppen, die komplett ihr eigenes Ding machen. Es gibt aber auch Gruppen, die uns bei der Selbsthilfe-Kontaktstelle um Rat fragen. Wichtig ist, dass die Initiative von der Gruppe ausgeht. Wir bieten etwa Beratung und Begleitung in schwierigen Gruppensituationen oder bei Problemen an. Wir machen auch Seminare für Selbsthilfegruppen, etwa zum Thema Öffentlichkeitsarbeit oder zum Thema Telefonberatung – wie man etwa reagieren sollte, wenn ein Anrufer am Telefon zu weinen anfängt. Die Selbsthilfekontaktstelle informiert auch zu juristischen Fragen wie Schweigepflicht und Datenschutz. Und im psychotherapeutischen Bereich bieten wir einmal pro Monat ein Gesamttreffen an.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Wertvolle-Hilfe-durch-Selbsthilfe;art71,223213

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