19. März 2017, 22:32 Uhr

Werthers Echter

Als 1772 Goethes Briefroman »Die Leiden des jungen Werther« erschien, löste das ein wahres Werther-Fieber und sogar eine Welle von Selbstmorden aus. Rund 250 Jahre später lesen den Text wohl vor allem Schüler im Deutsch-Leistungskurs. Schauspieler Isaak Dentler zeigt aber mit seinem Solo im taT, dass »Werthers Leiden« auch in der Version 2.0 überzeugen kann.
19. März 2017, 22:32 Uhr
Exzessives Spiel: Isaak Dentler als Werther. (Foto: Birgit Hupfeld)

Mit klassischer Literatur ist das so eine Sache. Man weiß in etwa, wovon sie handelt und hat sie als Schüler im Unterricht interpretiert. Doch sie noch einmal lesen und die überwältigende Kraft der Worte wirklich begreifen, das tun wohl die Allerwenigsten. Aber es lohnt sich. Das zeigt Isaak Dentler mit »Werthers Leiden« von Nicolas Stemann nach Goethes Briefroman auf der taT-Studiobühne. Das ursprünglich 2006 während Dentlers Zeit im Ensemble des Stadttheaters Gießen entstandene Einpersonenstück hat der Schauspieler in der Zwischenzeit schon über 100mal am Schauspiel Frankfurt mit großem Erfolg gespielt. Nun kehrt er damit an seine frühere Wirkungsstätte zurück und sorgt für einen großen Moment in dieser Spielzeit.

Im Gehrock steht Dentler anfangs vor seinem Publikum, wartet geduldig darauf, dass sich die Unruhe im Saal legt, während Popmusik von Stereo Total erklingt. »J’aime l’amour à trois« trällert es aus den Lautsprechern und Dentler schweigt. Doch nachdem er einen Luftballon mit einem Gesicht bemalt und zum Platzen gebracht hat, hat er endlich die ungeteilte Aufmerksamkeit. Er rezitiert aus den zwischen Mai 1771 und Dezember 1772 verfassten Briefen des jungen Werther, zeigt, wie dieser in Liebe zu seiner Lotte entflammt, in Eifersucht auf deren Verlobten Albert schier vergeht und sich am Ende eines monatelangen Prozesses voller Leid das Leben nimmt. Denn schließlich hat »die menschliche Natur ihre Grenze«. Aber auch wenn Dentler die Worte des 18. Jahrhunderts spricht, transferiert er den Kern des Werks in das heutige Verständnis. Er destilliert die Vorlage, reduziert sie auf das allerwesentlichste. Jeder Satz ein Treffer. Das mag manchen Deutsch-LK-Puristen verstören, aber es ist ein äußerst zielführendes Verfahren.

Ekstase und Absturz

Wie im Drogenrausch lässt Dentler Werther die grenzenlose Ekstase der ersten Verliebtheit erleben, um dann »himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt« um so tiefer abzustürzen. Und er gibt dabei alles: Er robbt über den Boden, springt gegen die Wände, reibt sich an der mit Kreide auf die Bühnenwand gemalten Lottefigur, schluchzt ins Mikrofon und ertränkt seinen abgrundtiefen Kummer im Suff. Mit brachialer Gewalt, frech, aber nie respektlos, stürmt er durch die Geschichte, die so auch für diejenigen, die mit dem eigentlichen Text wohl nur noch wenig anfangen können, bis in die Tiefe ihres Herzens begreifbar wird. Hier ist einer, der sich durch die Liebe erhebt, um ausgerechnet an ihr zugrunde zu gehen.

Dabei bezieht Dentler sein Publikum und die Bühnentechniker immer wieder in sein exzessives Spiel auf der kargen, nur mit einem roten Geschenk und einem Paar roter Pumps bestückten Bühne ein. Seinen Konkurrenten Albert findet er im Publikum, die Schere, um Lottes papiernes Abbild zu schaffen, klebt unter einem Stuhl. Und auch Werthers Selbstmord findet mitten im Publikum statt. Ein bisschen erinnert das Spektakel aber auch an die Euphorie eines Kindergeburtstags, wenn die Zuschauer zum 28. August ein Ständchen zu Werthers (Goethes) Geburtstag anstimmen oder Dentler mit den Worten »Willst Du einen Werther, Moment, ich hol Dir einen« Karamellbonbons – natürlich »Werthers Echte« – in die Zuschauerreihen wirft.

Es ist eine Parabel auf die überschäumenden Gefühle Werthers, aber auch ein Appell, sich unverkrampft auf dieses Stück Literatur einzulassen. Eine wirklich honorable Leistung des Schauspielers. Isaak Dentler zeigt darüber hinaus aber auch, dass er weitaus mehr kann, als »nur« den Hiwi im Frankfurter »Tatort« zu spielen. Auch in dieser Hinsicht ist der Abend ein beeindruckendes Aha-Erlebnis.

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