15. Mai 2019, 22:03 Uhr

Werteverlust und Egoismus beklagt

15. Mai 2019, 22:03 Uhr
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Aus der Redaktion
Lars Witteck

Mit einem öffentlichen Vortrag von Lars Witteck, ehemalige Gießener Regierungspräsident und heutiger Vorstand der Volksbank Mittelhessen, endete die Jahreshauptversammlung des Fördervereins zum Erhalt der Johanneskirche Gießen. Witteck sprach zum Thema »Christliches Handeln in Politik und Wirtschaft - möglich in diesen Zeiten?«.

»Zur Debatte« heißt das Veranstaltungsformat, mit dem der Förderverein deutlich machen will, dass der Erhalt eines historisch bedeutsamen Gebäudes nicht allein nur der Sicherung des materiellen Bestands dienen darf. Denn ohne die Förderung des Bewusstseins für die ideellen Werte, die 1893 zum Bau der Johanneskirche Gießen geführt haben, wird auch der äußere Wert auf Dauer nicht zu sichern sein. Von daher waren die Weichen für einen Einstieg mit deutlicher Kritik an gesellschaftlichen Fehlentwicklungen gestellt.

Drastisch beantwortete Witteck die eingangs selbst gestellte Frage, in welcher Welt wir eigentlich leben. Angefangen von der mittlerweile vielfachen Respektlosigkeit und frecher Arroganz gegenüber Feuerwehr, Polizei und Rettungskräften bei ihren Einsätzen bis hin zur gewissenlosen Raserei einer PS-verrückten Autoszene mit schon einigen Todesopfern in deutschen Städten begründete der Referent seine Beobachtung von Werteverlust und Egoismus. Auch die wachsende Hass- und Verrohungskultur im Internet mit »widerlichen« Kommentaren über andere Menschen beschrieb Witteck am Beispiel verbaler Entgleisungen gegenüber Kanzlerin Angela Merkel und der Grünen-Politikerin Petra Roth.

Mit drei Thesen versuchte er die aktuelle Situation zu erklären. Zum einen fehle es an Vorbildern in Politik und Wirtschaft, zum anderen gebe es eine Überforderung der Gesellschaft durch Geschwindigkeit, Komplexität und Digitalisierung. Aber auch Fantasien digitaler Allmacht und anstrengungsloser Berühmtheiten verwischen die Grenzen menschlicher Werte, wenn etwa ein Post des Models Kardashian bei Instagram eine halbe Million Dollar einbringe. Dem allen gegenüber bedeute christliches Handeln, so Witteck, sich in die gesellschaftliche Wertedebatte einmischen, dabei Vorbild sein, sich von der Wertschätzung für die Menschen leiten lassen und langfristige Ziele haben, welche Menschen verbindet. Sein Resümee zog Witteck mit einem Zitat des ehemaligen Verfassungsrichters Wolfgang Böckenförde: »Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann«. In diesem Sinne erwarte Witteck von der Kirche eine moderierende Rolle in der Werte-Debatte.

Für den geschäftsführenden Vorstand des Fördervereins dankte Klaus-Richard Arnold dem Referenten herzlich. In der vorausgegangenen Hauptversammlung standen keine Wahlen an. Der Vorstand wurde entlastest und der Tätigkeitsbericht des vergangenen Jahres mit Zustimmung entgegengenommen. Als Ziel für dieses Jahr wurde die Unterstützung für die beiden Johanneskirchengemeinden Lukas und Johannes für die Errichtung eines barrierefreien Zugangs zur Johanneskirche genannt.

Außerdem berichtete Schatzmeister Wolfgang Launspach über den Bastelbogen für ein Modell der Johanneskirche. Dieses ist im Gießener Kirchenladen und in der Alpha-Buchhandlung erhältlich. Der Kaufpreis von 10 Euro dient der Refinanzierung für die kostenlose Überlassung an die Schulen. Ein weiteres Ziel des Vereins ist die Werbung von Mitgliedern. Interessenten können sich mit Wolfgang Launspach in Verbindung setzen, Tel. 0179/13 55 605. (Archivfoto: age)



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