16. Januar 2017, 19:11 Uhr

Wer hat den Swag?

Artur Molin hat sich selbst schon als Gesangskandidat der Jury von »The Voice of Germany« gestellt. Beim Casting der Marburger Waggonhalle für die Musicalproduktion »Hairspray« wechselt er nun die Seiten und sitzt in dem Gremium, das am Wochenende in der Gießener Musikschule aus etwa 35 Bewerbern Darsteller ausgesucht hat.
16. Januar 2017, 19:11 Uhr
Auch Henrik Stolte (links) stellt sich beim Casting in der Gießener Musikschule dem Urteil der Jury um Artur Molin (3. v. l.) und Tom Feldrappe (r.). (Foto: gl)

Für Susan aus Freiburg ist Tracy aus »Hairspray« ihre absolute Lieblingsrolle. Unbedingt will die 21-Jährige, die sich an der Freiburger Musicalschule ausbilden lässt, eine Zusage. »Das wäre auch gut für meinen Berufsweg«, erzählt sie beim Casting. Und dann schaltet Tom Feldrappe, der die musikalische Leitung des Projekts hat, auch schon das mitgebrachte Playback an und Susan kann loslegen. »Good morning Baltimore« hat sie sich für ihr Vorsingen ausgesucht. Dass sie mit ihrem kurzen Auftritt die Jury förmlich umhaut, das wird sie aber erst in zwei Wochen erfahren, wenn die Ergebnisse des Castings feststehen und die Bewerber Rückantwort bekommen. »Das ist unsere Traum-Tracy« lautet die Wertung von Artur Molin, dem Juryleiter und künftigen Regisseur. »Die hat richtig Bock« und »ich habe das Gefühl, das muss richtig raus aus ihr« ergänzen seine Mitjuroren.

Derweil warten im winzigen Vorraum der Gießener Musikschule schon die nächsten Bewerberinnen – Männer sind an diesem Samstag nicht dabei. Während sich zwei junge Frauen im Flüsterton unterhalten, versuchen die anderen durch die Wand dem Auftritt der Kandidaten zu lauschen. Im Viertelstundentakt treten alle zum Casting an. Ein bisschen nervös sind sie, doch weil sich viele schon von früheren Produktionen oder vom Gesangsunterricht kennen, ergibt sich so manch nettes Gespräch. Dann müssen sie sich schnell noch im Nebenraum einsingen, einen Schluck aus der Teekanne und schon geht es los.

Vorsingen im Viertelstundentakt

Auch Regina aus Marburg will sich von ihrer besten Seite präsentieren. Sie arbeite als Psychologin, erzählt sie. Sie habe in der Schule in der Theater-AG mitgemacht und zehn Jahre lang im Chor gesungen. Nun ziehe es sie wieder auf die Bühne. Allzu gerne würde sie die Rolle der Velma singen. »Ich dachte, ich bin so mutig und schreibe gleich was auf«, antwortet sie auf die Frage, ob sie sich denn diese Rolle auch zutraue. Und dann beginnt sie auch schon mit Velmas Song »Niemand stoppt den Beat« und schauspielert mit einem Taschenspiegel als Requisite. Dass sie gleich »in Pose gestartet« ist, beeindruckt die Jury, in der neben Feldrappe und Molin auch Jana Ibold, Patrick Pohl und Tina Kühn sitzen und Punkte in den Kategorien Gesang, Schauspiel und allgemeines Auftreten vergeben. Schnell noch ein Foto von jedem Bewerber für die Unterlagen gemacht und schon tritt die nächste Kandidatin, die 27-jährige Lisa aus Gießen, an und singt für die Rolle der Motormouth Maybelle vor. »Sie hat den Swag«, lautet Molins Kommentar, als Lisa nach ihrem Kurzauftritt wieder den Raum verlassen hat. Doch ob es für die Erstbesetzung reicht?

»Das gesamte Auftreten ist wichtig«, betont Molin. Wie selbstsicher sich die Bewerber präsentieren, ob sie sich zur Musik bewegen können, ob ihre Stimmkraft reicht, um vor großem Publikum zu bestehen – all das fließe in die Bewertung ein. »Es sind alle drei Bereiche gefordert, die ein Musicaldarsteller mitbringen muss: singen, tanzen und schauspielen«, unterstreicht Molin. »Dabei muss beim Casting noch nicht alles perfekt sein, aber wir müssen Potenzial erkennen können«, ergänzt Feldrappe. Dabei sei das Aussehen eher zweitrangig, denn schließlich könne man durch Ausstattung und Maske noch viel herausholen. »Wir werden sie ausstopfen«, meint Feldrappe mit einem Schmunzeln auf die Frage, ob denn nur korpulente Mädchen für die Rolle der Tracy geeignet seien. Doch eine Sorge hat die Jury dennoch: Es fehlen noch männliche Bewerber, vor allem solche mit afroamerikanischem Aussehen.

Über Facebook, Zeitungen, per Aushang in Musikschulen und direkt auf der Homepage der Waggonhalle hatten die Organisatoren zum Casting aufgerufen. Nach dem großen Erfolg von »Jesus Christ Superstar« im vergangenen Jahr mit zahlreichen ausverkauften Vorstellungen, soll nun im Sommer dieses Jahres »Hairspray« auf die Bühne gebracht werden. Rund 26 Vorstellungen sind geplant, doch bislang steht nur der Premierentermin am 3. August fest. Alle blockweise gelegten Vorstellungen im Laufe des August und September finden in der Marburger Waggonhalle statt, Karten wird man erst in einigen Wochen kaufen können. Hier lohnt sich immer mal wieder der Blick auf die Homepage waggonhalle.de

Premiere ist am 3. August

Die ersten Proben für »Hairspray« beginnen im Februar in Gießen, zunächst an Wochenenden im zweiwöchigen Turnus. Das kleine Orchester wird sich im Mai erstmals treffen, die Choreografie werden die Darsteller in einer Marburger Tanzschule einstudieren und sich zur intensiven Probenendphase in der Waggonhalle einfinden. Molin, der Mitglied des Schauspielensembles am Landestheater Marburg ist, führt Regie, Feldrappe ist für die musikalische Gesamtleitung zuständig. Weil es sich bei »Hairspray« um ein Non-Profit-Projekt handelt, bekommen die Teilnehmer lediglich eine Aufwandsentschädigung.

Doch für viele stehen ohnehin der Spaß am Auftritt und die gewonnenen Erfahrungen im Vordergrund. So wie bei Susan aus Freiburg. Doch ob die »Traum-Tracy« der Jury auch tatsächlich die Hauptrolle übernehmen kann, ist noch nicht sicher. Sie hat an ihrer Musicalschule über den Sommer viele andere Verpflichtungen, müsste zu den vielen Proben und Vorstellungen von Freiburg anreisen. Doch das sei kein Problem, meint sie. Sie könne auch bei ihren Großeltern in Stadtallendorf übernachten. Tracy will sie unbedingt spielen. In zwei Wochen, wenn sie die Antwort der Jury bekommt, weiß sie, ob ihr Traum wahr werden kann.

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